Der Bescheidwisser

Stufen, Steine, Steilküste – ein Bericht vom Madeira Island Ultra-Trail 2017

Posted in Spocht by bescheidwisser on 5. Mai 2017

Es gibt Tage, an denen fügen sich tausend kleine Dinge wie die Farbtupfer eines impressionistischen Gemäldes. Der 22. April war so ein Gemälde, wer auch immer es gemalt haben mag. Ich war es jedenfalls nicht, ich bin einfach nur die ganze Zeit gerannt, fast rund um die Uhr, von der Nordspitze Madeiras bis zum Südende, in einer aberwitzigen, verschlungenen Route über fantastische Trails, 115 Kilometer weit, insgesamt 7200 Meter hoch und runter. Furchterregende Zahlen für einen Ultratrail-Anfänger wie mich, und sie sagen noch nicht die ganze Wahrheit über den Madeira Island Ultra-Trail, kurz MIUT (sprich »Mjut«). Die Strecke, die sich über die 57 Kilometer lange Atlantikinsel windet, ist nicht nur lang und bergig, sondern auch holprig, glitschig, tückisch, sakrisch steil – und vor allem stufig. Erdstufen, Holzstufen, Steinstufen, Betonstufen, Stahlstufen. Kniehohe Stufen, handbreithohe Stufen. Kurze Trippelstufen, lange Weitspringerstufen. Es ist kein Zufall, dass Madeira so vor Treppen wimmelt. Die Insel ist die Spitze eines 5000 Meter hohen Vulkans, der auf dem Meeresgrund steht, ein einziges Bergmassiv, dessen Hänge durch den anstürmenden Passat und die Meeresbrandung zu so großer Steilheit erodiert sind, dass viele Wege ohne Treppen gar nicht gangbar wären. Das launische Wetter macht es nicht einfacher. Von subtropischem Dampfbad bis Schneesturm ist alles drin. Anspruchsvolles Laufterrain also, aber es lohnt sich. Die Kombination von Meer und Bergen ist sowieso immer ein Kracher. Wenn es kein geringeres Meer als der Atlantik ist, 400 Meter hohe Steilküsten und fast 2000 Meter hohe Vulkanstein-Türme, dazu eine Vielfalt der Vegetation von Dschungel über Savanne bis Tundra, dann darf man wirklich von einem Paradies sprechen.

Die Geschichte meines MIUTs begann im Herbst 2016, als meine Frau und ich den gemeinsamen Wunsch verspürten, nach fünf Jahren mal wieder Urlaub ohne Kinder (wir haben vier) zu machen. Laufen kam in unseren Überlegungen zunächst nicht vor, aber irgendwie, auf verschlungenen Wegen, kamen wir auf Madeira Ende April – ach schau, da ist dort gerade ein Lauf, sieht interessant aus, und unversehens war ich angemeldet. Erst später dämmerte mir, worauf ich mich da eingelassen hatte, und dass ich nur mit einem trainingsreichen Winter überhaupt eine Chance haben würde, das zu schaffen. Wintertraining ist meine Sache nun mal nicht. Erstmals in meinem Läuferleben schrieb ich mir einen Trainingsplan (nach Sage Canaday), wurde gleich nach anderthalb Wochen krank und ließ ihn wieder sausen. Ohne Plan ging es besser, allerdings folgten weitere Krankheits- und Verletzungspausen, die letzte eine Woche vor Madeira mit heftiger Magen-Darm-Infektion. Ich fühlte mich gerade eben so ausreichend trainiert für den MIUT.

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Ruhe vor dem Sturm

Der MIUT startet am Samstag um 0 Uhr. Wir landeten drei Tage vorher auf Madeira. Ich hatte mir vorgenommen, unsere Zweisamkeit möglichst ungestört von der bevorstehenden sportlichen Aufgabe zu halten. Bis zum Freitag klappte das ganz gut, dann aber stieg das Rennfieber. Es ist ein seltsamer Zustand an solch einem Tag. Irgendwann hält man es auf der Liege am Pool nicht mehr aus, die Ausrüstung ist zum x-ten Mal gecheckt und es sind noch zehn Stunden bis zum Mitternachtsstart. Wir machten eine kleine Levada-Wanderung – und sahen alle paar Meter Markierungsbänder. Zufällig waren wir auf die Strecke des kürzeren »Ultra« (85 km) geraten. An diesem Tag gab es kein Entkommen vor der Lauferei.

Seit 2008 gibt es den MIUT, und für die meiste Zeit war er eine ziemlich familiäre Veranstaltung. Neuerdings aber gehört er zur Ultra Trail World Tour mit ihrem ganzen Kommerzzirkus. Die halbe Weltspitze ist am Start, die Zahl der Teilnehmer wächst von Jahr zu Jahr. Diesmal waren es rund 850 Läufer auf der langen Strecke, dazu deutlich mehr als nochmal so viele auf den drei kürzeren Distanzen, die später auf die lange Route einscheren und alle dasselbe Ziel an der Strandpromenade von Machico am Ostende von Madeira haben. Könnte voll werden auf der Strecke, dachte ich mir, jedenfalls voller als auf den anderthalb Ultratrails, die ich bis dahin gelaufen war (wetterbedingt verkürzter Zugspitz Supertrail XL und Chiemgauer 100 Kilometer im Jahr 2015). Nun kommt auf jeder solchen Strecke nach dem Start der Punkt, an dem sie von der breiten Straße auf den engen Trail übergeht. Staugefahr! Beim MIUT kommt diese Engstelle nach drei Kilometern, auf der ersten Anhöhe von gut 300 vertikalen Metern. Im Rückblick nahm ich sie wohl zu wichtig, jedenfalls wollte ich nicht an ihr hängenbleiben und fasste den Plan, mich vorn in der Startaufstellung zu platzieren – entgegen der Mahnung, die Ultra-Rookies immer wieder hören, nämlich zurückhaltend zu starten.

Ich stehe also viel zu weit vorn im mehr als 800 Läufer starken Starterfeld, kurz hinter dem abgetrennten Bereich für die Eliteläufer. Die schnellen Männer und Frauen brettern los wie bei einem Dorflauf, und ich mit ihnen. Nach ein paar hundert Metern schaue ich auf die GPS-Uhr: Tempo 3:45/min. Wenn ich jetzt nicht meine 10-Kilometer-Bestzeit aufstellen will, sollte ich vom Gas gehen. Da stellt sich die Straße vor uns auf, das Tempo sinkt etwas, die Anstrengung aber kaum – aber irgendwie gelingt es mir nicht, mich zu bremsen. Den ganzen ersten Anstieg bleibt das Führungsfahrzeug, hinter dem François d’Haene, Pau Capell, Gediminas Grinius, Xavier Thevenard, Sébastien Chaigneau und die anderen Stars herhetzen, in Sichtweite. Dann kommt besagter Flaschenhals von der Straße zum Trail – und es zeigt sich, dass ich zwar glatt durch die Engstelle komme, nun aber selbst zur Engstelle werde. Die Könner fliegen den Downhill runter, im Vergleich dazu schleiche ich, auch wenn ich für meine Verhältnisse weiterhin rasant unterwegs sind. Bei erster Gelegenheit schießt Andrea Huser an mir vorbei, die spätere Frauensiegerin. Ich habe sie bestimmt eine halbe Minute gekostet.

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Viel zu weit vorn!

Am Fuß des ersten Downhills liegt das Dorf Ribeira da Janela. Dort tobt eine wahre Fiesta. Musik, Glockengebimmel, Jubelgeschrei, alle Kinder sind noch wach. Die Menge bildet ein enges Spalier für die Läufer, man wird angefeuert und ge-high-five-ed und fühlt sich ein bisschen wie ein Tour-de-France-Fahrer am Galibier. Ein wohliger Schauer durchläuft mich. Diese Atmosphäre ist nicht geeignet, mich einzubremsen.

Dann der erste lange Anstieg, 1100 Höhenmeter nach Fanal. Ich bin weiterhin viel zu schnell, aber es ist nicht mehr so frustrierend. Bergauf kann ich mithalten – noch. Als ich an der ersten Verpflegung in Fanal ankomme, spielt sich dort gerade ein kleines Drama ab. Einer der madeirischen Lokalfavoriten liegt am Boden und weint bitterlich. Aus für mich nicht erkennbaren Gründen ist das Rennen für ihn hier bereits beendet. Läufer und Helfer halten eine Minute inne, um ihm Trost zuzuklatschen, dann ging die Jagd weiter. Zu denken gibt mir, dass ich dort in Fanal auch Tom Wagner vom Team Salomon an einem Orangenschnitz lutschen sehe, den ich als überragenden Sieger der Chiemgauer 100 Meilen 2015 kenne. Wenn man als Rookie nach knapp zwei Stunden noch gleichauf mit solch einem Crack liegt, dann weiß man, es wäre unbedingt schlau, jetzt das Tempo zu drosseln, bevor man völlig verbrennt und mit leeren Tanks liegenbleibt. Das tue ich nun auch und stürze mich etwas bedächtiger in den Downhill nach Chão da Ribeira, der laut Rennberichten der technischste der ganzen Strecke sein soll. Er ist steil, glitschig, stufig und wurzelig. Ich gerate mit beiden Füßen in tiefen Schlamm, bin genervt und schalte ganz von selbst einen Gang runter. Auf einem flachen Transferstück nehme ich wieder Fahrt auf, in einer Gruppe von vier Läufern. Hinter mir ein dumpfer Schlag und ein Stöhnen, mein Hintermann ist hingeflogen. Kurzer Stopp, ist er verletzt? Er verneint. Zu dritt geht es weiter, wenig später stolpere auch ich, kann mich aber gerade noch auf den Beinen halten. Ich beschließe, allein und vorsichtiger weiterzulaufen, lege eine Pinkelpause ein und lasse die anderen beiden ziehen.

Zwei weitere Anstiege sind in dieser Nacht zu bewältigen, nach Estanquinhos und nach Encumeada, ich steige gut, spüre aber inzwischen deutlich, dass ich viel zu schnell angegangen bin. Ab der Verpflegung in Encumeada werde ich defensiv laufen, beschließe ich. Dort soll meine Frau auf mich warten. Ich bin viel zu früh da, aber die Liebste ist aufmerksam, hat die Zwischenzeiten gesehen (der Telegram-Bot der Rennorganisation ist super), ist ebenfalls früher da und kümmert sich großartig um mich.

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Treppen, Treppen, Treppen

Bald nach Encumeada kommt der härteste der vielen harten Anstiege dieses Parcours: gut 200 Höhenmeter auf 400 Metern Distanz entlang eines Wasserrohrs. Macht 50 Prozent Durchschnittssteigung – mit vollem Magen nach der Verpflegung gerade eben. Eine ächzende, fluchende, wankende Karawane kämpft sich die unregelmäßigen Stufen empor. Manche bleiben buchstäblich stehen. Mir zieht es erst ein paar Kilometer später den Stecker, im wunderschönen Abschnitt an den Flanken des Pico Grande. Ich lege eine ungeplante Pause ein, setze mich an den Wegesrand, um mich zu sortieren, schließe meine GPS-Uhr zum Nachladen an den Akku an. Ein paar Läufer, die am Wasserrohr langsamer waren, passieren mich, einer haut mir aufmunternd auf die Schulter, ruft mir irgendwas in einer romanischen Sprache zu und filmt mich ausgerechnet an diesem absoluten Tiefpunkt meines Rennens, siehe https://youtu.be/fzIhUtXqSSE bei 3:15.

Nach fünf Minuten mentalen Sammelns ist der Einbruch einigermaßen überwunden. Ich kann ein paar Läufer einholen, die während jener Minuten vorbeigezogen waren. Die steinigen Serpentinen hinab nach Curral das Freiras nehme ich bedächtig, ich will nicht gleich das nächste Tief provozieren. Der Führende und spätere Sieger der 85-km-Strecke, der Franzose Antoine Guillon, springt elegant an mir vorbei, er hat einen Verfolger auf den Fersen, der jedoch zwei Kehren über mir einen kapitalen Sturz hinlegt. Eine kleine Gerölllawine poltert auf mich zu, ich muss sprinten, um ihr zu entgehen, da kommt auch schon der Gestürzte dahergerannt.

Die Station in Curral das Freiras liegt auf halber Strecke. Die Dropbags liegen bereit, es gibt das größte Buffet des Tages, und ich greife zu: Reis mit Hackfleisch, Kuchen, Schokolade, Chips, Cola – alles, was kickt und Kalorien hat. Mein Magen nimmt es dankbar in Empfang. Überhaupt schlägt er sich großartig an diesem Tag, der auch für ihn einer der härtesten sein muss. Dazu mag beitragen, dass ich dem oft gehörten Rat gefolgt bin, rechtzeitig mit dem Essen zu beginnen. Schon nach einer Stunde habe ich mir das erste von ungezählten Gels reingezischt. So kommt der Magen gar nicht darauf, den Betrieb einzustellen.

Hinter Curral das Freiras wartet der längste Anstieg der Strecke, 1200 Höhenmeter auf den Pico Ruivo. Beim Verlassen der Station wird die Pflichtausrüstung kontrolliert, und der mitgeführte Wasservorrat. Die subtropische Sonne brennt auf den Pfad, der sich mit Südexposition emporwindet. An einer Wasserstelle kurz nach der Station fülle ich schon wieder nach – gute Entscheidung, denn ich auch so werde ich mit leeren Tanks und Durst in der Hütte am Gipfel einlaufen. Auf dem Weg dorthin überhole ich eine ganze Reihe leidender Gestalten – lange Uphills sind mein Terrain. Auf dem nächsten langen Downhill werden mich allerdings viele von ihnen wieder kriegen.

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Zu Beginn der Aufstiegs zum Pico Ruivo

Der Weg zwischen dem Pico Ruivo und dem Pico do Arieiro ist das berühmteste Stück des MIUT und der ikonische Wanderweg auf Madeira schlechthin. Wer den wilden Grat zwischen den Gipfeln aus der Ferne sieht, fragt sich, wie dort entlang überhaupt ein Weg führen kann. Auf den Videos vom MIUT 2016 sieht es so einfach aus, wie Zach Miller über diesen spektakulären Abschnitt stürmt. Und so trifft es mich als Schock, wie schwierig diese Strecke ist. Mörderisch steile Treppen hoch und runter, man muss unter Überhängen durchtauchen, sich an Felswänden vorbeizwängen, durch mehrere dunkle Tunnels tasten. Noch dazu ist der Weg bevölkert mit Touristen, die sich glücklicherweise überwiegend freundlich und rücksichtsvoll gegenüber den Ultraläufern zeigen. Von der Schönheit dieses Abschnitts habe ich kaum noch was in Erinnerung. Demoralisiert erreiche ich den Pico do Arieiro, wo ein jubelndes Publikum die Läufer empfängt. Meine Frau allerdings, auf die ich mich gefreut hatte, suche ich vergeblich. Sie hat sich verfahren, wir sehen uns erst 1000 Meter tiefer in Ribeiro Frio wieder. Ich eiere diesen längsten Downhill des Tages nur so hinunter. Die Beine fühlen sich an wie Dosenspargel. Aber das ist mir inzwischen gleichgültig. Die größten Schwierigkeiten sind geschafft – fast: noch ein grausamer 300-Meter-Anstieg, der auf dem Höhenprofil viel niedlicher aussah. Relativ zu meinen Mitläufern kann ich wieder beschleunigen, aber jetzt spielt sich alles wie in Zeitlupe ab. Die Stufen sind so hoch, dass Läufer mit kürzeren Beinen sich enorm quälen müssen, um sich überhaupt hinauf zu wuchten. Eine portugiesische Läuferin steht am Rand und signalisiert mir mit einer Geste: Nichts geht mehr.

Am Checkpoint in Portela, bei Kilometer 98, treffe ich meine Frau zum letzten Mal vor dem Ziel. Nun geht es mir wirklich nicht mehr gut, wieder bleibe ich viel zu lang sitzen. Meine Frau begleitet mich auf den ersten Metern aus der Station, sie ist schneller als ich auf meinen schmerzenden Beine. Aber ich schwöre: Nachdem sie zum Auto abgebogen ist, werde ich schneller. Im Laufschritt – was in diesem Stadium ein Tempo von sieben Minuten pro Kilometer bedeutet – nehme ich den ebenen Forstweg, vorbei an ein paar entkräfteten Gestalten. Dann kommt der ruppige Downhill die Steilküste hinunter nach Larano, und es ist vorbei mit dem Laufschritt. Egal, nur bloß nicht doch noch hinfliegen. In Larano ist Party, Eminem rappt aus dem Lautsprecher, eine fürsorgliche Helferin bringt mir einen Kaffee »with lots of sugar«. Nur noch zwölf Kilometer! Die ersten davon auf einem fantastischen Trail entlang einer der höchsten Steilküsten der Welt. Leicht wellig geht es dahin, links bricht das Gelände jäh zum Meer ab, ich dränge die Vorstellung eines unglücklichen Sturzes aus meinem Bewusstsein. Es dämmert, die Stirnlampen gehen wieder an, eine Kette von Lichtern zieht sich durch die Steilküste in die einbrechende Dunkelheit. Ein geradezu magischer Moment, den ich sogar genießen kann. Ich finde einen neuen Rhythmus, ein paar Minuten laufen, kurz gehen, wieder laufen. Ich spüre den Sog des nahenden Ziels.

Nach einem kleinen Buckel ein letzter technischer Downhill, nicht steil, aber steinig und stolprig. Ich überhole! Im Downhill! Am letzten Checkpoint in Ribeira Seca zeigt ein Schild an: 4,3 Kilometer bis zum Ziel. Eine gefühlte Ewigkeit geht es einen schmalen Levada-Weg entlang, links der Wasserlauf, rechts ein dunkler Abgrund. Ich stürme voran, zumindest im Vergleich zu manch anderen, die nur noch wandern. Der beleuchtete Zielbogen auf der Promenade von Machico kommt in Sicht, gut 200 Meter tiefer, der Jubel der Zuschauer dringt herauf, es gibt kein Halten mehr. Nur noch einen Wiesenhang runter, ein paar hundert Meter Straße, eine allerletzte Treppe. Ich bin so fertig, dass die Zuschauer mich in den Zielkanal lotsen müssen. Mit 24 Stunden hatte ich gerechnet. Von 23 Stunden hatte ich geträumt. 22:37:57 steht auf der Uhr. Platz 22 von 109 in meiner Kategorie. Ich bin glücklich.

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Im Ziel

Beim Duschen muss meine Frau Wache stehen, damit ich nicht einschlafe. Die Muskulatur in den Beinen und im Rücken ist zermartert, meine rechte Ferse, der Schwachpunkt meines Bewegungsapparats, brennt bei jedem Schritt. Aber die physische Zerstörung ist geringer als befürchtet. Nach ein paar Tagen bin ich weitgehend erholt, nach einer Woche laufe ich wieder gemessenen Schrittes durch die Südtiroler Berge. Nach zwei Wochen habe ich das Gefühl, dass der MIUT mich stärker gemacht hat.

Schließlich noch ein autodidaktischer Exkurs: Was kann ich verbessern? Vor allem drei Dinge. Erstens, kontrollierter Start. Ein paar Minuten, die man vorne rausholt, können Stunden bedeuten, die man hinten verliert. Zweitens, kürzer rumhängen an den Verpflegungsstationen. Die Verlockung ist groß, noch ein paar Minuten sitzenzubleiben und zu jammern. Bringt aber nichts außer noch steiferen Beinen. Ich habe ausgerechnet, dass ich an den Stationen unterm Strich deutlich mehr als eine Stunde verprokranistiniert habe. Drittens: mehr Tempo bergab. »Du musst dir vertrauen«, sagte der Sieger François d’Haene nach dem Rennen in einem Interview zum Bergablaufen. Also, etwas mehr Mut und Lockerheit, das bringt Zeitgewinn und auch mehr Spaß. Mag sein, dass ich dann auch mal hinfliege, aber dieses Risiko ist dosierbar.

Tobias Hürter

Ausrüstung:
Schuhe Inov-8 Trailtalon 275 Chill, eine Größe größer. Haben sich bestens bewährt, kein Schuhwechsel nötig, keine Blasen, keine wunden Stellen.
Socken: zuerst CEP wadenhoch, in Encumeada Wechsel auf knöchelkurz
Rucksack Salomon S-Lab Adv3 12 Liter, altbewährt
CEP Compression Shorts mit Übershorts von Gore Running Wear
Trikot von Compresssports (Schrottreißverschluss!), Unterhemd von Falke
Stöcke Leki Micro Trail Pro, ich mag die feste Verbindung der Hände mit den Griffen, allerdings fand ich die erste Version des Trigger-Shark-Systems besser als die jetzige zweite.
Käppi von Buff, nichts fürs Auge, aber leicht und kühlend
Kontaktlinsen Dailies AquaComfort Plus, haben tadellos über mehr als 24 Stunden gehalten – darum hatte ich mir vorher ein paar Sorgen gemacht.
Stirnlampe Lupine Piko, Akku im Rucksack, nicht am Kopf
Uhr Suunto Ambit3 Peak, unterwegs nachgeladen mit dem Akku der Stirnlampe
Eigenverpflegung: Mulebar Hydro Gels, Clifbars 

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No sleep till Bruneck

Posted in Südtirol, Spocht by bescheidwisser on 15. August 2015

Im Schatten der Dolomiten liegt ein weniger bekanntes, aber wunderschönes Gebirge: die Pfunderer Berge. Sie sind nicht sonderlich hoch, die höchste Erhebung misst nur 3135 Meter, aber sie sind steil, wild und einsam. Ich mag sie besonders gern: die Vielfalt der Grüntöne, die schroffen Felsabstürze, die zackigen Konturen der Kämme. Das ist für mich das Gebirge aus »Herr der Ringe«.

Längs hindurch führt der Pfunderer Höhenweg. Er beginnt in Sterzing am Fuß des Brenners und endet ein paar Meter von meiner Südtiroler Wohnung in St. Georgen, einer Fraktion von Bruneck. Vor ein paar Monaten fassten Andreas, ein Brunecker Freund, der auch gern in den Bergen herumrennt, und ich den Plan, den Höhenweg zu laufen. Zuerst peilten wir zwei Etappen an. Dann schlug ich vor, den Weg am Stück zu laufen. Andreas willigte zögernd ein.

Wir wussten: das wird kein Jog im Park. Wanderer gehen den Höhenweg üblicherweise in sechs Tagen. Vor Jahren bin ihn mit meiner damaligen Freundin in fünf Etappen gegangen. »Sehr fitte Bergsteiger« können es in vier Etappen schaffen, steht in einem Führer. Im Internet findet man ein paar Laufberichte vom Pfunderer Höhenweg, aber ich habe nur welche gefunden, bei denen entweder in mehreren Etappen gelaufen wurde – oder vorzeitig abgebrochen. Im Jahr 2011 haben Thomas Bohne und Denis Wischniewski vom Trail Magazin nach gut der Hälfte aufgehört. Von Südtirolern hatte ich aber gehört, dass der Weg manchmal durchgelaufen wird.

Es war also möglich, aber es war sehr fraglich, ob wir es bis zum Ende schaffen. Dieses Risiko machte uns nichts aus. Dann biegen wir eben ins Pustertal ab und nehmen Bahn, sagten wir uns. Wir bereiteten uns gut vor, studierten die Karten, kalkulierten einen Zeitplan, konsultierten das Hydrographische Amt in Bozen für eine Wetterprognose – und nahmen dabei das Vorhaben immer als Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Einfach loslaufen und schauen, wie weit wir kommen.

Und so stiegen wir an einem herrlichen Augustabend in Bruneck in den Zug, kamen um 21:32 Uhr in Sterzing an, setzten die Stirnlampen auf und trabten in bester Laune bergwärts. Keiner von uns war je lang durch die Nacht gelaufen. Und was für eine Nacht war das! Mild und klar – und der Höhepunkt des Meteoritenschwarms der Perseiden. Nachts durchs Gebirge laufen unter einem Sternenhimmel, durch den die Sternschnuppen schwirren: diese Stunden werde ich nie vergessen.

Der Höhenweg beginnt mit einem Aufstieg von über 1000 Höhenmetern über die waldigen Hänge des Auersbergs, durch die sich ein Gewirr von Wegen zieht. Da ist Verlaufen vorprogrammiert, vor allem nachts. Wir taten es mehrmals, fanden aber dank GPS-Uhr stets nach kurzer Zeit auf die Route zurück. Ohne GPS wären wir schon in den ersten Stunden in ernste Schwierigkeiten gekommen.

So aber kamen wir planmäßig um zwei Uhr zur schlafenden Simile-Mahd-Alm, dem ersten Etappenziel der meisten Wanderer. Sollte ich den Höhenweg nochmal laufen, dann würde ich hier die Route ändern: nicht über die Alm, denn das ist nur sinnvoll, wenn man dort übernachten will, sondern die natürlichere Route weiter am Kamm entlang über den Sengesspitz, die (geschlossene) Sterzinger Hütte und das Sandjoch.

Von der Alm liefen wir weiter aufs 2660 m hohe Sengesjöchl – ich immer noch im ärmellosen Unterhemd. Von dort quert der Weg zwischen der Wilden Kreuzspitze und dem Wilden See zum Rauhtaljoch, mit 2807 Metern der höchste Punkt des Höhenwegs. Bei Tageslicht ist die Orientierung in diesem Abschnitt sicherlich ein Kinderspiel. Doch wenn die Sicht auf den Lichtkegel der Stirnlampe beschränkt ist, landet man in den schottrigen Steilhängen voller Pfadspuren und Verhauerwege schnell im Nirgendwo. Dazu kommt, dass der Weg vor dem Rauhtaljoch sehr unintuitiv ein Stück Richtung Kreuzspitze führt, um dann von oben aufs Joch zu stoßen. Wir brauchten ein paar Minuten und einige Ampèresekunden Stirnlampen-Aufblendlicht, um das zu kapieren.

Am Rauhtaljoch traf uns die Morgendämmerung. Im zarten Rot zeichneten sich die Silhoutten der Berge ab, dann ließen die ersten Sonnenstrahlen die grünen Hänge aufleuchten. Wir setzten uns nieder und verfolgten dieses Schauspiel, bevor wir hinunter zur Brixner Hütte liefen. Um sechs Uhr erreichten wir sie. Gerade wurde zum Frühstück aufgedeckt, von oben hörte man die Schritte der ersten erwachten Hüttengäste. Wir stärkten uns mit Kaffee, Tee, Brot und Speck für den schwierigsten Abschnitt des Wegs, von der Brixner Hütte zur Edelrauthütte. Weite Blockhalden und hohe Scharten durch scharfe Grate. Gehzeit: 9 Stunden.

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Auf der Steinkarscharte

Die Steinkarscharte ist noch zahm und grün, die Kellerscharte schon etwas ruppiger. Von dort überblickt man den Halbkessel des Engbergs mit seinen Schrofen, Schuttreißen und Felsabstürzen und denkt sich: unmöglich, dass da ein Weg durchführt. Aber ja, da führt er durch. Zuerst sogar abschnittsweise laufbar. Dann muss man sich in luftiger Höhe an einem Felswändchen vorbeischmiegen. Man gelangt auf die Dannelscharte, wo sich eine Perspektive mit hohem Demoralisierungspotenzial öffnet: auf das Weißsteinkar, ein riesiges Becken voller Felsbrocken. Der Weg führt mittendurch, wobei »Weg« hier keine treffende Bezeichnung ist. Es ist nichts als eine Kette von Markierungen durch den Felsverhau. Das bedeutet, stundenlang von Block zu Block hüpfen zu müssen. Anfangs ganz spaßig, wenn man noch frisch ist. Aber das bleibt man nicht lang. Wir wurden langsamer. Mitten im Weißsteinkar erklärte Andreas mir, er stecke in einem körperlichen Tief, aus dem er wohl nicht mehr herauskommen könne. Er schlug vor, ich solle in einem Tempo weiterlaufen, das mir die Möglichkeit offen hält, den ganzen Weg zu schaffen. Er werde langsam aber sicher zur Edelrauthütte gehen und von dort zum Neves-Stausee absteigen. Trennen also – zuerst lehnte ich ab. Am Berg bleibt man zusammen. Aber es war dann nicht so schwierig für Andreas, mich doch noch zu überzeugen. Ich wollte den Versuch, den Weg durchzulaufen, hier noch nicht beenden. Ich fühlte mich noch gut. Wir verabschiedeten uns. Andreas kam gut ins Tal.

Durchs Weißsteinkar und über einen kurzen, steilen Aufschwung gelangt man zur aberwitzigen Gaisscharte, einer unten nur fußbreiten Aussparung in der Felsklinge zwischen Hockwart und Magsteinwipfel. Man zwängt sich durch und erwartet fast, dahinter ins Nichts zu stürzen. Stattdessen warten dort 40 Höhenmeter abwärts an einer fast senkrechten Felswand, gesichert mit Ketten und Stahlbügeln. Wer nicht schwindelfrei ist, muss womöglich durchs Weißsteinkar zurück. Aber auch für Schwindelfreie ist der Blick durch die Gaisscharte schockierend. Auf der anderen Seite wartet nämlich die nächste Blockhalde, das Obervalskar. Und wer glaubt, mehr Felsblöcke könne ein Gebirge nicht enthalten, und sich auf dem folgenden Wiesenbuckel schon auf die Hütte freut, der irrt. Die paar Meter laufbarer Weg täuschen. Hinter dem Buckel liegt schon wieder eine Blockhalde. Kleiner zwar, aber sie nervt.

In der Edelrauthütte wollte ich eigentlich zu Mittag essen, doch dieser Plan scheiterte an den zahlreichen italienischen Touristen, die zum Ferragosto-Wochenende die Südtiroler Berge bevölkern. Der Pfunderer Höhenweg ist sehr wenig begangen, auf ihm kann auch in der Hochsaison einen halben Tag verbringen, ohne einem Menschen zu begegnen. Aber in der bequem erreichbaren Edelrauthütte und drumherum ging es zu wie in einem Wespennest. Die Italiener standen Schlange, um einen Tisch zu bekommen. Ich kaufte mir ein paar Süßigkeiten, verspeiste sie vor der Hütte, füllte meine Softflasks am Brunnen auf und suchte das Weite.

Nun kam der Teil des Höhenwegs, den Andreas und ich als Team beim Tiefroschtn-X-trem-Lauf 2014 gelaufen waren: das Eisbruggtal hinunter, dann steil empor zur Kuhscharte, wo der lieblichste Abschnitt des Höhenwegs beginnt. Er führt mehrere Kilometer in sanftem Auf und Ab durch steile Almwiesen, von denen an diesem Tag einige frisch gemäht waren. Es duftete nach Heu, die Sonne wärmte mich, der Wind streichelte mich. Entspannt und zuversichtlich lief ich dahin. Es kam mir so vor, als könnte ich ewig weiterlaufen. Die Hochstimmung endete am Anstieg von der Gampisalm (2223 m) zur Hochsägescharte (2705 m), den ich noch vom Tiefroschtn X-trem in schlechter Erinnerung hatte. Der Anstieg hat zwei Teile, der erste ist steil und zertrampelt von Kühen, der zweite ist steiler und übersät von Blockwerk, von dem ich zu diesem Zeitpunkt wirklich genug hatte. Ich fand keinen Rhythmus mehr. Noch steiler und arg rutschig ist der Abstieg auf der anderen Seite. Immerhin brachte er mich zur hervorragend geführten Tiefrastenhütte (AVS), deren Wirtin mir eine gute Käseplatte und eine große Cola vorsetzte und mich fragte, woher ich komme und wohin ich wolle. Ich sagte ihr nicht, dass ich bei ihr eingekehrt war, um in Ruhe zu überlegen, ob ich die Aktion hier beenden und runter nach Terenten laufen soll. Den ganzen Höhenweg durchlaufen? Das versuchen einige, sagte sie, schaffen aber nur wenige. Von denen, die bis zur Tiefrastenhütte kommen, brächen die meisten dort ab. Falls sie mich abschrecken wollte, hätte sie diese Geschichten besser nicht erzählt. Ich beschloss, weiterzulaufen.

An der Tiefrastenhütte beginnt für Wanderer die letzte und längste Tagesetappe des Pfunderer Höhenwegs. Zuerst verliert man 300 Höhenmeter, um dann 400 Höhenmeter zum Kleinen Tor aufsteigen zu müssen. Von dort führt der Weg immer entlang eines breiten Rückens von Gipfel zu Gipfel. Es ist eine der schönsten Passagen des ganzen Wegs, vielleicht die schönste. Links sieht man die schneebedeckten Gipfel der Zillertaler Alpen. Rechts die im Abendlicht glühenden Dolomiten. Leider verdunkelte sich dieses herrliche Panorama zusehends. Der Sonnenuntergang nahte. Ich wollte mich beeilen, um noch bei Helligkeit den Sambock zu erreichen, den letzten Gipfel des Rückens. Aber die Beine wurden schwer. An manchen der Gipfel muss man nochmals kraxeln. Der Sambock kam und kam nicht näher. Deutlich vor ihm musste ich die Stirnlampe wieder auspacken. Zwar ist der Weg in diesem Abschnitt gut markiert, aber dennoch bremste mich die erschwerte Orientierung im Dunkeln mit müdem Kopf noch weiter. Ich stellte mich auf eine mühsame Schlussphase ein, aß und trank nochmals.

Zum Sambock muss man über dessen ruppigen, stellenweise mit Stahlketten versicherten Nordgrat. Bei Helligkeit ist es eine muntere Kletterei. Im Dunkeln ist es mühsam. Fluchend schob und zog ich mich die Felsen hoch. Noch mehr Sorgen bereitete mir allerdings der bevorstehende Abstieg: 1500 Höhenmeter steil hinab vom Sambock nach St. Georgen auf entkräfteten Beinen. Das würde wehtun, befürchtete ich.

Und es tat dann auch weh, bei jedem Schritt. Ich stolperte, ich schlitterte, erstaunlicherweise fiel ich nicht hin. Beim Gasthaus am Kofl (1487 m) ist man zurück in der Zivilisation, man könnte den Höhenweg getrost für bewältigt erklären und sich abholen lassen. Aber ich stellte mir vor, dass jetzt alle gemütlich beim Wein sitzen, und scheute mich, jemanden mit der Bitte um diesen Gefallen anzurufen. Am Brunnen beim Kofler setzte ich mich hin und aß noch einen Riegel für die letzten 600 negativen Höhenmeter. Laufen ging nun kaum mehr, ich wanderte fast nur noch. Im Licht der Stirnlampe versammelten sich die Fluginsekten. Nachtfalter klatschten mir ins Gesicht, Käfer flogen mir ins Ohr, Mücken saugten mir das Blut aus den Waden. Ich wollte nur noch nach Hause, und als ich endlich, nach 24 Stunden auf den Beinen, dort ankam, wollte ich gar nichts mehr. Ich war zu müde, um Hunger zu haben. Ich war zu aufgeputscht, um zu schlafen. Erst am nächsten Tag konnte ich mich freuen, den Pfunderer Höhenweg gemeistert zu haben.

Der Pfunderer Höhenweg ist tückisch für Läufer. Man unterschätzt ihn leicht. 72 Kilometer und über 5600 positive Höhenmeter, das klingt ordentlich, aber für geübte Langstreckenläufer nach durchaus nicht zu viel auf einmal. Doch hinter den Zahlen verstecken sich Kletterpassagen, Blockwerk und weglose Passagen, auf denen man von einer Markierung zur nächsten irrt. Das kostet viel Zeit und Kraft, besonders dann, wenn man nicht darauf gefasst ist. Wir waren darauf gefasst und haben es trotzdem unterschätzt. Der »Pfunderer« ist ein Biest. Aber ich liebe ihn. Im Nachhinein.

Tobias Hürter


Ausrüstung:
Schuhe: Inov-8 Race Ultra 270
Socken: Injinji Trail 2.0
Hose: Inov-8 Race Ultra Twin Short
Unterhemd: Falke Athletic
Shirt: Pearl Izumi
Windweste: Montura mit Quickburst-Reißverschluss
Rucksack: Salomon S-Lab 12
Stöcke: Leki Microstick Carbon
Stirnlampe: Lupine Piko X Pro (2011) mit Smartcore-Akku 5,6 Ah
Uhr: Suunto Ambit 3 Peak
Verpflegung: Wasser aus Bächen, Riegel und Gels von Mulebar, Saltsticks und aus den Küchen von Brixner Hütte, Edelrauthütte und Tiefrastenhütte

Schicksalsberg Hochfelln – ein Bericht vom 11. Chiemgauer 100

Posted in Aktuelles, Spocht by bescheidwisser on 27. Juli 2015

Irgendwann im Winter bewarb ich mich um einen Startplatz für die »Kurzstrecke«, also die 100 Kilometer, beim Chiemgauer 100. Ziemlich größenwahnsinnig, denn erstens war ich bis dahin weder ein Trailläufer noch ein Ultraläufer, ich war die Jahre zuvor eher ein Feierabendjogger gewesen, und zweitens hatte ich mir beim München-Marathon im Herbst 2014 einen Ermüdungsbruch im rechten Schienbein zugezogen, der mich für drei Monate völlig lahmlegte – genaugenommen war ich zu dieser Zeit also gar kein Läufer. Und dann ausgerechnet der Chiemgauer. 100 Kilometer und über 4500 Höhenmeter: unvorstellbare Dimensionen für mich. Aber meine Idee war damals gerade, etwas mit einer erheblichen Möglichkeit des Scheiterns anzugehen. Zudem hatte ich gehört, was für eine schöne Veranstaltung der Chiemgauer 100 ist, mit seiner herrlichen Strecke und seiner besonderen, familiären Atmosphäre. Jetzt kann ich sagen: Das stimmt alles.

Ich bekam einen Startplatz zugelost und tat erstmal – gar nichts. Der Winter war lang und schneereich, und ich musste überhaupt wieder ins Laufen zurückfinden. Doch je näher der Chiemgauer rückte, desto stärker wirkte er sich auf mein Training aus. Ich begann mit langen Läufen, die später sogar zwei oder drei Mal die 40 Kilometer übertreffen sollten. Ich wandte mich den Straßen ab und den Forstwegen und Pfaden im Forstenrieder Park und an der Isar zu. Ich machte Höhenmeter, zuerst Hügel, dann richtige Berge, und ich lernte, dabei die Stöcke einzusetzen. Es war nicht einfach als Vollzeitarbeiter und Patchwork-Großfamilienvater, aber für welchen ambitionierten Freizeitsportler, der nebenbei noch ein Leben hat, ist es schon einfach?

Als Generalprobe hatte ich mir den Zugspitz Ultratrail rausgesucht, fünf Wochen vor dem Chiemgauer, und zwar die Supertrail-XL-Strecke, die mit 79 Kilometern und 4100 Höhenmetern auch nicht ohne ist. Das Wetter war miserabel, wie man den zahlreichen Rennberichten entnehmen kann, so schlecht, dass die Strecke um zehn Kilometer verkürzt wurde. Aber bei mir lief es super. Die Zuversicht für den Chiemgauer wuchs. Nur leider blieb von der Zugspitze eine Reizung meiner rechten Ferse zurück, die mir zunehmend Sorgen bereitete. Ich reduzierte mein Training deutlich, verlegte einen Teil aufs Rennrad. Die Reizung wurde etwas besser, flammte aber immer wieder auf, vor allem nach profilierten Läufen. Im Rückblick war der Abstand zwischen Zugspitze und Chiemgauer viel zu knapp, zumal für einen Anfänger wie mich. Ich ging zum Arzt, der mir nach Röntgen, Ultraschall und Abtasten beschied, die tragenden Bauteile – Sehne und Knochen – seien gesund. Vielleicht ein gereizter Schleimbeutel. Ich solle die Ferse weiterhin schonen. Aber kein Startverbot für den Chiemgauer. Ich war erleichtert.

Dennoch fuhr ich mit gemischten Gefühlen nach Ruhpolding, entsprechend den gemischten Signalen aus meinem Körper. Die Form schien zu passen, aber würde die Ferse mitmachen? Ich hatte keine Ahnung. Es blieb nur, zu starten und zu schauen.

Am Tag vor dem Start für die 100 Kilometer war das Briefing und der etwas skurrile Start der Hundertmeiler, die sich nach dem Signal von Gi Schneider nur widerwillig in Bewegung zu setzen schienen. Die Stimmung war so nett, wie ich es nie zuvor bei einer Sportveranstaltung erlebt habe. Viele Leute kannten sich untereinander, und wer niemanden kannte, wurde umstandslos aufgenommen.

Nur das Wetter mal wieder. Die Hundertmeiler starteten noch in drückender Schwüle. Doch für den nächsten Tag war eine Kaltfront mit heftigen Gewittern angesagt. Ich schlief schlecht in dieser zu warmen Nacht. Doch ich fühlte mich gut, als um drei Uhr der Wecker klingelte. Es gab mein Standard-Vorwettkampffrühstück, bewährt schon seit Radrennzeiten: Brei aus Haferflocken und Milch mit Honig und einer Prise Salz, dazu Koffein-Tabletten. Nichts für Gourmets, aber es funktioniert.

Auch beim Start um fünf Uhr im Waldstadion an der Traun war die Stimmung ruhig und angenehm. Lauter ernste, entschlossene, freundliche Gesichter. Keine aufgedrehten Wichtigtuer. Kein albernes Drängeln. Kein Dampfplauderer mit Verstärkeranlage. Und auch das sonst übliche »Highway to hell« von AC/DC habe ich nicht vermisst.

Sekundengenau ging es los, etwas dynamischer als bei den Hundertmeilern – und sofort spürte ich die Ferse. In diesem Moment musste ich mich fragen, ob ich überhaupt die erste Schleife von 26 Kilometern um den Rauschberg schaffe. Der erste sanfte Anstieg. Die Ferse machte sich deutlicher bemerkbar. Au weia.

Aber dann dachte ich an etwas anderes – und die Ferse verstummte. Für den Rest des Laufs meckerte sie still vor sich hin, wurde aber nicht schlimmer. Sie hat mich wohl nicht wesentlich gebremst. Danke, meine Ferse! Jetzt kannst du dich endlich erholen.

Diese erste Schleife ist nicht ganz so harmlos, wie sie in manchen anderen Berichten rüberkommt. Die ersten Kilometer auf welligen Forstwegen sind noch einfach. Dann kommt bald der abschnittsweise ruppige Alpensteig an der Nordflanke des Rauschbergs (Korrektur dank Reiner: Südflanke!). Hier zog sich das Feld augenblicklich auseinander, ich lief fast die ganze Zeit allein. Nur einmal überholte mich Marcel mit der Startnummer 47 und einer fantastischen Stocktechnik.

Nach 2 Stunden, 42 Minuten war ich zurück im Stadion, nassgeschwitzt in der feuchtwarmen Morgenluft. Ich wechselte in ein ärmelloses Hemd, schulterte den dort deponierten Rucksack, griff die Stöcke und ließ die Handflasche zurück, die ich auf die erste Runde mitgenommen hatte. Erst jetzt gehe das Rennen richtig los, hatten mir die alten Hasen vorher gesagt.

Als erstes großes Hindernis der zweiten Schleife stellt sich den Läufern die Skipiste am Unternberg in den Weg. Horrend steil, aber rhythmisch zu steigen. Genau mein Terrain – solange es bergauf geht. Mit beherztem Stockeinsatz schob ich mich voran im Feld. Dann kam ein Geläuf, das mir weniger liegt: ein Auf und Ab technischer Singletrails mit Wurzeln, lockeren Steinen und Matsch. Hier waren andere um mich herum schneller. Bald jedoch stellte der Weg sich wieder auf und mündete in den berüchtigten Anstieg zur Hörndlwand. Ich hatte wieder Oberwasser.

Noch berüchtigter als der Aufstieg ist allerdings der Abstieg von der Hörndlwand ins Röthelmoos. Was mich betrifft, wurde er seinem Ruf gerecht. Er ist steil, stufig, rutschig und wurzelig. Ich tapste ihn herunter wie ein verirrter Seilbahntourist und staunte über meine Mitläufer, die ihn leichtfüßig heruntersprangen. Ich muss dringend an meiner Downhill-Technik arbeiten. Immerhin die gute Nachricht: Ich bin auf den 100 Kilometern kein einziges Mal gestürzt.

Auch ich war irgendwann herunter von der Hörndlwand und gelangte über ein kurzes Flachstück zu einer dieser üppig bestückten Verpflegungsstationen. Ich nahm Butterbrezen, Schokolade, Kuchen und Cola. Überhaupt habe ich an diesem Tag vermutlich mehr Cola getrunken als in den 43 Jahren meines Lebens zuvor. Sonst hasse ich das Zeug. Aber es kickt! An diesen Verpflegungsstationen muss man sehr streng mit sich sein, um nicht zu viel Zeit zu vertrödeln.

Auf dem folgenden Aufstieg zum Hochsattel, zuerst über sanft ansteigende Forstwege, dann über steile Wiesenpfade, holte ich ein paar von den flotten Downhillern wieder ein. Und ich überholte einige Hundertmeiler, sichtlich gezeichnet von den Strapazen und nicht immer bei voller Sprachkompetenz. Aber alle freundlich und bei guter Moral. Großen Respekt für diese Helden. Und Heldinnen!

Nach dem Hochsattel der nächste holprige Downhill. Aus dem Überholen wurde wieder ein Überholtwerden. Aber mittlerweile war mir das egal. Ich hatte meinen Rhythmus gefunden. Die Hälfte der Streckenlänge und mehr als die Hälfte der Höhenmeter waren gemeistert. Ich ahnte, dass ich es schaffen kann, wenn nichts Außergewöhnliches mehr passiert. Und ich freute mich auf meine Frau und unseren kleinsten Sohn (2). Sie warteten an der Verpflegungsstation in Kohlstatt bei Kilometer 55. Als ich eintraf, aß der Sohn den Läufern gerade die Pfannkuchen weg. Ich stärkte mich ebenfalls, wechselte das Hemd und die Socken und blieb ein bisschen zu lang.

Nun kam das wohl steilste Stück der gesamten Strecke, wieder eine Skipiste hoch – mit frisch gefülltem Bauch. Oben spürte ich zum ersten Mal die Ermüdung. In den Stunden zuvor hatte ich mich auf das Zwischenziel Kohlstatt konzentriert, jetzt lief ich irgendwie ins Nichts. Zudem wurde die Strecke wieder abschüssig. Hier hatte ich wohl meine mental schwächste Phase. Ich fühlte mich nicht schlecht. Einfach nur blah. Ein Gel plus Salztablette beschleunigte mich nicht. Es zog sich arg bis zum Wallfahrtsort Maria Eck, wo die nächste Verpflegung wartete.

 
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Im Ziel
 

Maria Eck ist der geographische Wendepunkt der Strecke, ab hier geht es auf den letzten und längsten Anstieg zu: den Hochfelln. Und auch meteorologisch schlug die Situation um. Ziemlich unerwartet (für mich) brach ein heftiges Unwetter los. Sturmböen und starker Regen. Ich rettete mich in die offene Garage, an der die Verpflegungsstation aufgebaut war. Dort standen schon einige Läufer und starrten ratlos in den Regen. Wir berieten uns und beschlossen: Regenjacken an und weiterlaufen. Nass waren wir ohnehin schon, und kalt würden wir eher beim Warten. Außerdem geht es die nächsten 8 Kilometer durch die Wald, ziemlich flach auf gut laufbaren Singletrails. Da macht Regen nichts.

Aber »gut laufbar« ist halt so eine Sache nach 70 Kilometern. Als Ingrid, die spätere Siegerin der Frauenwertung, das Tempo etwas forcierte, flog die Gruppe auseinander. Ich biss die Zähne zusammen und blieb als einziger an Ingrid dran. Ein Glück, wie sich bald zeigte. Ingrid und ich verstanden einander prächtig. Wir hatten auf allen Terrains das gleiche Tempo und zogen uns gegenseitig. Die nächsten fünfeinhalb Stunden blieben wir zusammen, bis ins Ziel.

An der Verpflegungsstation in Egg am Fuß des Hochfelln war die Stimmung gedrückt. Laut Regen- und Blitzradar drohten in den nächsten Stunden weitere Gewitter über dem Hochfelln. Weiterlaufen war ein Risiko – und gerade in Egg bot sich die Option, auf die verkürzte 80-Kilometer-Strecke direkt runter nach Ruhpolding abzubiegen. Die meisten Läufer nahmen sie wahr. Aber ich wollte weiter. Es schüttete zwar weiter, und es würde heftig stürmen dort oben, aber die Luft konnte nicht sehr kalt sein, und es gewitterte gerade nicht mehr. Außerdem bot das Hochfellnhaus am Gipfel eine sichere Zuflucht. Ingrid und ich waren uns einig, weiterzulaufen.

Die Entscheidung erwies sich als richtig. Beim Aufstieg störte das schlechte Wetter kaum. Oben verpflegten wir uns kurz und machten uns an den Abstieg auf der anderen Seite. Die Böen peitschten uns den Regen um die Ohren. In dieser Phase bewährte sich meine Jacke (Montane Minimus Smock) großartig. Keine 170 Gramm wiegt sie, hat mir dennoch Wind und Regen vom Leib gehalten und mich nicht im eigenen Dampf schmoren lassen.

Wenige Höhenmeter unter dem Gipfelbereich ließ der Wind nach, bald auch der Regen. Aber egal bei welchem Wetter, dieser Abstieg ist der fieseste. Zuerst dichte Latschen und tückische Wurzeln, dann schmieriger Plattenkalkstein, dann Geröll an der Traktionsgrenze. Ingrid ist in solchem Gelände auch nicht schneller als ich, und so krochen wir in bedächtigem Tempo hinab zur Verpflegung im Eschelmoos.

Dort hatten wir die größeren Schwierigkeiten hinter uns. Vor uns lagen nur noch gut 15 Kilometer einfache, überwiegend abschüssige Strecke. Aber ausgerechnet dieser Abschnitt war der härteste für mich. Die Beine und die Füße taten nun richtig weh, besonders beim Bergablaufen. Die Energiespeicher waren leer, und ich konnte und wollte nichts mehr essen. Auch Ingrid stöhnte und jammerte. Aber sie ist zäher als ich. Je näher wir dem Ziel kamen, desto schneller wurde sie. Zum Schluss konnte ich mich nur noch an ihre Fersen heften.

Und dann waren wir plötzlich wieder im Stadion. Eine halbe Runde auf der Bahn. Ingrids Hund stürzte auf sie zu, und mein Sohn auf mich. Mit ihm auf dem Arm überquerte ich nach 15 Stunden, 55 Minuten und 30 Sekunden die Ziellinie. Dann nur noch Glück und Erschöpfung.

Zuletzt ein paar weitere Lobesworte zur Veranstaltung: Es ist fast unglaublich, was man beim Chiemgauer 100 für 40 Euro Startgeld kriegt. Die Organisation, die Markierung, die Verpflegung: alles richtig super. Hier ist keine Event-Agentur am Werk, sondern Leute mit Herz und Überzeugung. Der ganze überflüssige Quatsch von Großveranstaltungen wie dem Zugspitz Ultratrail entfällt – keine Blechmedaillen, kein Startbeutel mit nutzlosen Geschenken, keine Sportartikelmesse. Auf jeden Läufer kommt ein halber Helfer, sagte Gi Schneider bei der Siegerehrung. Da warten nette Menschen freiwillig die ganze Nacht im Regen auf dem Berg, damit ein paar Hundertmeiler eine warme Suppe kriegen. Das ist großartig! Ich komme wieder.

Tobias Hürter

Ausrüstung:
Schuhe: Inov-8 Race Ultra 270
Socken: Injinji Trail 2.0
Hose: Inov-8 Race Elite 140
Unterhemd: Falke Athletic
Shirt: Gore Running Wear
Jacke: Montane Minimus Smock
Rucksack: Salomon S-Lab 12
Stöcke: Leki Microstick Carbon
Eigenverpflegung: Riegel und Gels von Mulebar, Saltsticks

Billshit

Posted in Bullshit, Geschichte by bescheidwisser on 18. Januar 2014

Bullshit ist ein philosphischer Fachausdruck. Er bezeichnet grammatisch wohlgeformte Sätze, die zwar an der Oberfläche in Ordnung sind, aber keinen echten Gedanken ausdrücken (vgl. mein Titelstück in HOHE LUFT 1/2013). Eines der gewaltigsten Stücke Bullshit der Politikgeschichte lieferte im Jahr 1998 der damalige amerikanische Präsident Bill Clinton in seiner Aussage vor der Grand Jury im Zuge des Amtsenthebungsverfahrens gegen ihn – die Oral-Office-Affäre, wir erinnern uns. Ein Ausschnitt aus dem Sitzungsprotokoll:

STAATSANWALT: Ob Mr. Bennett [Clintons Anwalt Robert S. Bennett – TH] von Ihrer Beziehung mit Ms. Lewinsky wusste oder nicht, die Aussage, dass es »keinen Sex irgendwelcher Art oder Form mit Präsident Clinton« gab, war eine völlig falsche Aussage. Ist das korrekt?

CLINTON: Das hängt davon ab, was die Bedeutung von »ist« ist. Wenn »ist« bedeutet »ist und war nie und ist nicht« – das ist eine Sache. Wenn es bedeutet, dass es keinen gibt, dann war das eine völlig wahre Aussage.

Quelle

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Schmugglergeschichten

Posted in Geschichte by bescheidwisser on 27. August 2012

Radiofeature in Bayern 2 über die Schmuggler in den Alpen:

Die Schmuggler von Klobenstein

»›Schmuggeln‹ kommt von ›Schmiegen‹: man schmiegt sich den Verhältnissen an.«

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Romantik in der BBC

Posted in Philosophie by bescheidwisser on 26. August 2012

Herrlich bombastische Dokumentation der BBC über die geistigen Umwälzungen der Romantik:

 

 

»This is the story of a search for meaning in a world without God.« – Peter Ackroyd

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Aubade – Philip Larkin

Posted in Lyrik by bescheidwisser on 25. August 2012

Aubade pur

(Aus: The Complete Poems of Philip Larkin. Faber & Faber, 2012)

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Alte Liebe und ein Abenteuer

Posted in Aktuelles by bescheidwisser on 16. Juli 2012

Seit ein paar Tagen gehe ich fremd. Ich, strikter Apple-Monogamist seit den 80er Jahren (Apple II), habe ein Android-Handy angeschafft, als Zweithandy Dritthandy für meine regelmäßigen Aufenthalte im italienischen Sendegebiet. S3 statt 4s. Warum? Aus Abenteuerlust. Wie das halt so ist bei Seitensprüngen.

Hier will ich nun meine bisherigen Eindrücke aufschreiben, ganz indiskret und unsystematisch. Um es vorwegzunehmen: Der Seitensprung hat mir wieder den Wert meiner alten Liebe vor Augen geführt. Android wird für mich eine Affäre bleiben.

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»Stay hungry, stay foolish!«

Posted in Aktuelles, Journaille by bescheidwisser on 20. September 2010

Hier notiert: meine Eindrücke vom Zukunftskongress der Freischreiber am Wochenende in Hamburg.

So ein Kongress soll Orientierung geben. Das ging erstmal schief. Der Tag begann mit vielen herumirrenden Journalisten. Die zuvor ausgegebenen Unterlagen hatten die Geographie des Geländes in Hamburg-Bahrenfeld zur Unkenntlichkeit vereinfacht. Wer den Veranstaltungsort fand, bekam einen besseren Plan, aber das ist nicht die logische Reihenfolge.

Als Erster trat der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen vor das schlaftrunkene Plenum, und er gab Orientierung: eine präzise Analyse der Medienmisere, dann der Vorschlag einer Gegenstrategie. Pörksen hat genug vom Gejammer, will es nur noch als »Hintergrundgeräusch« hören und formuliert den kategorischen Imperativ für freie Journalisten: »Handle stets so, dass deine Form der Publizität unverwechselbar wird.« Er schloss mit dem Slogan von Steward Brand: »Stay hungry, stay foolish!« Ein Satz fürs T-Shirt.
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Google und die Urhorde

Posted in Aktuelles by bescheidwisser on 20. August 2010

Wäre Google vor 10000 Jahren mit einem Dienst namens Google Wood View herausgekommen, dann wäre wohl kein Aufschrei durch die Wälder des noch nicht so heißenden Germanien gegangen. Damals, in der ausgehenden Steinzeit, war Privatsphäre noch kein Wert. Jeder bekam jede Kleinigkeit jedes anderen mit. Der Urmensch war gläsern.
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