Der Bescheidwisser

No sleep till Bruneck

Posted in Südtirol, Spocht by bescheidwisser on 15. August 2015

Im Schatten der Dolomiten liegt ein weniger bekanntes, aber wunderschönes Gebirge: die Pfunderer Berge. Sie sind nicht sonderlich hoch, die höchste Erhebung misst nur 3135 Meter, aber sie sind steil, wild und einsam. Ich mag sie besonders gern: die Vielfalt der Grüntöne, die schroffen Felsabstürze, die zackigen Konturen der Kämme. Das ist für mich das Gebirge aus »Herr der Ringe«.

Längs hindurch führt der Pfunderer Höhenweg. Er beginnt in Sterzing am Fuß des Brenners und endet ein paar Meter von meiner Südtiroler Wohnung in St. Georgen, einer Fraktion von Bruneck. Vor ein paar Monaten fassten Andreas, ein Brunecker Freund, der auch gern in den Bergen herumrennt, und ich den Plan, den Höhenweg zu laufen. Zuerst peilten wir zwei Etappen an. Dann schlug ich vor, den Weg am Stück zu laufen. Andreas willigte zögernd ein.

Wir wussten: das wird kein Jog im Park. Wanderer gehen den Höhenweg üblicherweise in sechs Tagen. Vor Jahren bin ihn mit meiner damaligen Freundin in fünf Etappen gegangen. »Sehr fitte Bergsteiger« können es in vier Etappen schaffen, steht in einem Führer. Im Internet findet man ein paar Laufberichte vom Pfunderer Höhenweg, aber ich habe nur welche gefunden, bei denen entweder in mehreren Etappen gelaufen wurde – oder vorzeitig abgebrochen. Im Jahr 2011 haben Thomas Bohne und Denis Wischniewski vom Trail Magazin nach gut der Hälfte aufgehört. Von Südtirolern hatte ich aber gehört, dass der Weg manchmal durchgelaufen wird.

Es war also möglich, aber es war sehr fraglich, ob wir es bis zum Ende schaffen. Dieses Risiko machte uns nichts aus. Dann biegen wir eben ins Pustertal ab und nehmen Bahn, sagten wir uns. Wir bereiteten uns gut vor, studierten die Karten, kalkulierten einen Zeitplan, konsultierten das Hydrographische Amt in Bozen für eine Wetterprognose – und nahmen dabei das Vorhaben immer als Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Einfach loslaufen und schauen, wie weit wir kommen.

Und so stiegen wir an einem herrlichen Augustabend in Bruneck in den Zug, kamen um 21:32 Uhr in Sterzing an, setzten die Stirnlampen auf und trabten in bester Laune bergwärts. Keiner von uns war je lang durch die Nacht gelaufen. Und was für eine Nacht war das! Mild und klar – und der Höhepunkt des Meteoritenschwarms der Perseiden. Nachts durchs Gebirge laufen unter einem Sternenhimmel, durch den die Sternschnuppen schwirren: diese Stunden werde ich nie vergessen.

Der Höhenweg beginnt mit einem Aufstieg von über 1000 Höhenmetern über die waldigen Hänge des Auersbergs, durch die sich ein Gewirr von Wegen zieht. Da ist Verlaufen vorprogrammiert, vor allem nachts. Wir taten es mehrmals, fanden aber dank GPS-Uhr stets nach kurzer Zeit auf die Route zurück. Ohne GPS wären wir schon in den ersten Stunden in ernste Schwierigkeiten gekommen.

So aber kamen wir planmäßig um zwei Uhr zur schlafenden Simile-Mahd-Alm, dem ersten Etappenziel der meisten Wanderer. Sollte ich den Höhenweg nochmal laufen, dann würde ich hier die Route ändern: nicht über die Alm, denn das ist nur sinnvoll, wenn man dort übernachten will, sondern die natürlichere Route weiter am Kamm entlang über den Sengesspitz, die (geschlossene) Sterzinger Hütte und das Sandjoch.

Von der Alm liefen wir weiter aufs 2660 m hohe Sengesjöchl – ich immer noch im ärmellosen Unterhemd. Von dort quert der Weg zwischen der Wilden Kreuzspitze und dem Wilden See zum Rauhtaljoch, mit 2807 Metern der höchste Punkt des Höhenwegs. Bei Tageslicht ist die Orientierung in diesem Abschnitt sicherlich ein Kinderspiel. Doch wenn die Sicht auf den Lichtkegel der Stirnlampe beschränkt ist, landet man in den schottrigen Steilhängen voller Pfadspuren und Verhauerwege schnell im Nirgendwo. Dazu kommt, dass der Weg vor dem Rauhtaljoch sehr unintuitiv ein Stück Richtung Kreuzspitze führt, um dann von oben aufs Joch zu stoßen. Wir brauchten ein paar Minuten und einige Ampèresekunden Stirnlampen-Aufblendlicht, um das zu kapieren.

Am Rauhtaljoch traf uns die Morgendämmerung. Im zarten Rot zeichneten sich die Silhoutten der Berge ab, dann ließen die ersten Sonnenstrahlen die grünen Hänge aufleuchten. Wir setzten uns nieder und verfolgten dieses Schauspiel, bevor wir hinunter zur Brixner Hütte liefen. Um sechs Uhr erreichten wir sie. Gerade wurde zum Frühstück aufgedeckt, von oben hörte man die Schritte der ersten erwachten Hüttengäste. Wir stärkten uns mit Kaffee, Tee, Brot und Speck für den schwierigsten Abschnitt des Wegs, von der Brixner Hütte zur Edelrauthütte. Weite Blockhalden und hohe Scharten durch scharfe Grate. Gehzeit: 9 Stunden.

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Auf der Steinkarscharte

Die Steinkarscharte ist noch zahm und grün, die Kellerscharte schon etwas ruppiger. Von dort überblickt man den Halbkessel des Engbergs mit seinen Schrofen, Schuttreißen und Felsabstürzen und denkt sich: unmöglich, dass da ein Weg durchführt. Aber ja, da führt er durch. Zuerst sogar abschnittsweise laufbar. Dann muss man sich in luftiger Höhe an einem Felswändchen vorbeischmiegen. Man gelangt auf die Dannelscharte, wo sich eine Perspektive mit hohem Demoralisierungspotenzial öffnet: auf das Weißsteinkar, ein riesiges Becken voller Felsbrocken. Der Weg führt mittendurch, wobei »Weg« hier keine treffende Bezeichnung ist. Es ist nichts als eine Kette von Markierungen durch den Felsverhau. Das bedeutet, stundenlang von Block zu Block hüpfen zu müssen. Anfangs ganz spaßig, wenn man noch frisch ist. Aber das bleibt man nicht lang. Wir wurden langsamer. Mitten im Weißsteinkar erklärte Andreas mir, er stecke in einem körperlichen Tief, aus dem er wohl nicht mehr herauskommen könne. Er schlug vor, ich solle in einem Tempo weiterlaufen, das mir die Möglichkeit offen hält, den ganzen Weg zu schaffen. Er werde langsam aber sicher zur Edelrauthütte gehen und von dort zum Neves-Stausee absteigen. Trennen also – zuerst lehnte ich ab. Am Berg bleibt man zusammen. Aber es war dann nicht so schwierig für Andreas, mich doch noch zu überzeugen. Ich wollte den Versuch, den Weg durchzulaufen, hier noch nicht beenden. Ich fühlte mich noch gut. Wir verabschiedeten uns. Andreas kam gut ins Tal.

Durchs Weißsteinkar und über einen kurzen, steilen Aufschwung gelangt man zur aberwitzigen Gaisscharte, einer unten nur fußbreiten Aussparung in der Felsklinge zwischen Hockwart und Magsteinwipfel. Man zwängt sich durch und erwartet fast, dahinter ins Nichts zu stürzen. Stattdessen warten dort 40 Höhenmeter abwärts an einer fast senkrechten Felswand, gesichert mit Ketten und Stahlbügeln. Wer nicht schwindelfrei ist, muss womöglich durchs Weißsteinkar zurück. Aber auch für Schwindelfreie ist der Blick durch die Gaisscharte schockierend. Auf der anderen Seite wartet nämlich die nächste Blockhalde, das Obervalskar. Und wer glaubt, mehr Felsblöcke könne ein Gebirge nicht enthalten, und sich auf dem folgenden Wiesenbuckel schon auf die Hütte freut, der irrt. Die paar Meter laufbarer Weg täuschen. Hinter dem Buckel liegt schon wieder eine Blockhalde. Kleiner zwar, aber sie nervt.

In der Edelrauthütte wollte ich eigentlich zu Mittag essen, doch dieser Plan scheiterte an den zahlreichen italienischen Touristen, die zum Ferragosto-Wochenende die Südtiroler Berge bevölkern. Der Pfunderer Höhenweg ist sehr wenig begangen, auf ihm kann auch in der Hochsaison einen halben Tag verbringen, ohne einem Menschen zu begegnen. Aber in der bequem erreichbaren Edelrauthütte und drumherum ging es zu wie in einem Wespennest. Die Italiener standen Schlange, um einen Tisch zu bekommen. Ich kaufte mir ein paar Süßigkeiten, verspeiste sie vor der Hütte, füllte meine Softflasks am Brunnen auf und suchte das Weite.

Nun kam der Teil des Höhenwegs, den Andreas und ich als Team beim Tiefroschtn-X-trem-Lauf 2014 gelaufen waren: das Eisbruggtal hinunter, dann steil empor zur Kuhscharte, wo der lieblichste Abschnitt des Höhenwegs beginnt. Er führt mehrere Kilometer in sanftem Auf und Ab durch steile Almwiesen, von denen an diesem Tag einige frisch gemäht waren. Es duftete nach Heu, die Sonne wärmte mich, der Wind streichelte mich. Entspannt und zuversichtlich lief ich dahin. Es kam mir so vor, als könnte ich ewig weiterlaufen. Die Hochstimmung endete am Anstieg von der Gampisalm (2223 m) zur Hochsägescharte (2705 m), den ich noch vom Tiefroschtn X-trem in schlechter Erinnerung hatte. Der Anstieg hat zwei Teile, der erste ist steil und zertrampelt von Kühen, der zweite ist steiler und übersät von Blockwerk, von dem ich zu diesem Zeitpunkt wirklich genug hatte. Ich fand keinen Rhythmus mehr. Noch steiler und arg rutschig ist der Abstieg auf der anderen Seite. Immerhin brachte er mich zur hervorragend geführten Tiefrastenhütte (AVS), deren Wirtin mir eine gute Käseplatte und eine große Cola vorsetzte und mich fragte, woher ich komme und wohin ich wolle. Ich sagte ihr nicht, dass ich bei ihr eingekehrt war, um in Ruhe zu überlegen, ob ich die Aktion hier beenden und runter nach Terenten laufen soll. Den ganzen Höhenweg durchlaufen? Das versuchen einige, sagte sie, schaffen aber nur wenige. Von denen, die bis zur Tiefrastenhütte kommen, brächen die meisten dort ab. Falls sie mich abschrecken wollte, hätte sie diese Geschichten besser nicht erzählt. Ich beschloss, weiterzulaufen.

An der Tiefrastenhütte beginnt für Wanderer die letzte und längste Tagesetappe des Pfunderer Höhenwegs. Zuerst verliert man 300 Höhenmeter, um dann 400 Höhenmeter zum Kleinen Tor aufsteigen zu müssen. Von dort führt der Weg immer entlang eines breiten Rückens von Gipfel zu Gipfel. Es ist eine der schönsten Passagen des ganzen Wegs, vielleicht die schönste. Links sieht man die schneebedeckten Gipfel der Zillertaler Alpen. Rechts die im Abendlicht glühenden Dolomiten. Leider verdunkelte sich dieses herrliche Panorama zusehends. Der Sonnenuntergang nahte. Ich wollte mich beeilen, um noch bei Helligkeit den Sambock zu erreichen, den letzten Gipfel des Rückens. Aber die Beine wurden schwer. An manchen der Gipfel muss man nochmals kraxeln. Der Sambock kam und kam nicht näher. Deutlich vor ihm musste ich die Stirnlampe wieder auspacken. Zwar ist der Weg in diesem Abschnitt gut markiert, aber dennoch bremste mich die erschwerte Orientierung im Dunkeln mit müdem Kopf noch weiter. Ich stellte mich auf eine mühsame Schlussphase ein, aß und trank nochmals.

Zum Sambock muss man über dessen ruppigen, stellenweise mit Stahlketten versicherten Nordgrat. Bei Helligkeit ist es eine muntere Kletterei. Im Dunkeln ist es mühsam. Fluchend schob und zog ich mich die Felsen hoch. Noch mehr Sorgen bereitete mir allerdings der bevorstehende Abstieg: 1500 Höhenmeter steil hinab vom Sambock nach St. Georgen auf entkräfteten Beinen. Das würde wehtun, befürchtete ich.

Und es tat dann auch weh, bei jedem Schritt. Ich stolperte, ich schlitterte, erstaunlicherweise fiel ich nicht hin. Beim Gasthaus am Kofl (1487 m) ist man zurück in der Zivilisation, man könnte den Höhenweg getrost für bewältigt erklären und sich abholen lassen. Aber ich stellte mir vor, dass jetzt alle gemütlich beim Wein sitzen, und scheute mich, jemanden mit der Bitte um diesen Gefallen anzurufen. Am Brunnen beim Kofler setzte ich mich hin und aß noch einen Riegel für die letzten 600 negativen Höhenmeter. Laufen ging nun kaum mehr, ich wanderte fast nur noch. Im Licht der Stirnlampe versammelten sich die Fluginsekten. Nachtfalter klatschten mir ins Gesicht, Käfer flogen mir ins Ohr, Mücken saugten mir das Blut aus den Waden. Ich wollte nur noch nach Hause, und als ich endlich, nach 24 Stunden auf den Beinen, dort ankam, wollte ich gar nichts mehr. Ich war zu müde, um Hunger zu haben. Ich war zu aufgeputscht, um zu schlafen. Erst am nächsten Tag konnte ich mich freuen, den Pfunderer Höhenweg gemeistert zu haben.

Der Pfunderer Höhenweg ist tückisch für Läufer. Man unterschätzt ihn leicht. 72 Kilometer und über 5600 positive Höhenmeter, das klingt ordentlich, aber für geübte Langstreckenläufer nach durchaus nicht zu viel auf einmal. Doch hinter den Zahlen verstecken sich Kletterpassagen, Blockwerk und weglose Passagen, auf denen man von einer Markierung zur nächsten irrt. Das kostet viel Zeit und Kraft, besonders dann, wenn man nicht darauf gefasst ist. Wir waren darauf gefasst und haben es trotzdem unterschätzt. Der »Pfunderer« ist ein Biest. Aber ich liebe ihn. Im Nachhinein.

Tobias Hürter


Ausrüstung:
Schuhe: Inov-8 Race Ultra 270
Socken: Injinji Trail 2.0
Hose: Inov-8 Race Ultra Twin Short
Unterhemd: Falke Athletic
Shirt: Pearl Izumi
Windweste: Montura mit Quickburst-Reißverschluss
Rucksack: Salomon S-Lab 12
Stöcke: Leki Microstick Carbon
Stirnlampe: Lupine Piko X Pro (2011) mit Smartcore-Akku 5,6 Ah
Uhr: Suunto Ambit 3 Peak
Verpflegung: Wasser aus Bächen, Riegel und Gels von Mulebar, Saltsticks und aus den Küchen von Brixner Hütte, Edelrauthütte und Tiefrastenhütte

Schicksalsberg Hochfelln – ein Bericht vom 11. Chiemgauer 100

Posted in Aktuelles, Spocht by bescheidwisser on 27. Juli 2015

Irgendwann im Winter bewarb ich mich um einen Startplatz für die »Kurzstrecke«, also die 100 Kilometer, beim Chiemgauer 100. Ziemlich größenwahnsinnig, denn erstens war ich bis dahin weder ein Trailläufer noch ein Ultraläufer, ich war die Jahre zuvor eher ein Feierabendjogger gewesen, und zweitens hatte ich mir beim München-Marathon im Herbst 2014 einen Ermüdungsbruch im rechten Schienbein zugezogen, der mich für drei Monate völlig lahmlegte – genaugenommen war ich zu dieser Zeit also gar kein Läufer. Und dann ausgerechnet der Chiemgauer. 100 Kilometer und über 4500 Höhenmeter: unvorstellbare Dimensionen für mich. Aber meine Idee war damals gerade, etwas mit einer erheblichen Möglichkeit des Scheiterns anzugehen. Zudem hatte ich gehört, was für eine schöne Veranstaltung der Chiemgauer 100 ist, mit seiner herrlichen Strecke und seiner besonderen, familiären Atmosphäre. Jetzt kann ich sagen: Das stimmt alles.

Ich bekam einen Startplatz zugelost und tat erstmal – gar nichts. Der Winter war lang und schneereich, und ich musste überhaupt wieder ins Laufen zurückfinden. Doch je näher der Chiemgauer rückte, desto stärker wirkte er sich auf mein Training aus. Ich begann mit langen Läufen, die später sogar zwei oder drei Mal die 40 Kilometer übertreffen sollten. Ich wandte mich den Straßen ab und den Forstwegen und Pfaden im Forstenrieder Park und an der Isar zu. Ich machte Höhenmeter, zuerst Hügel, dann richtige Berge, und ich lernte, dabei die Stöcke einzusetzen. Es war nicht einfach als Vollzeitarbeiter und Patchwork-Großfamilienvater, aber für welchen ambitionierten Freizeitsportler, der nebenbei noch ein Leben hat, ist es schon einfach?

Als Generalprobe hatte ich mir den Zugspitz Ultratrail rausgesucht, fünf Wochen vor dem Chiemgauer, und zwar die Supertrail-XL-Strecke, die mit 79 Kilometern und 4100 Höhenmetern auch nicht ohne ist. Das Wetter war miserabel, wie man den zahlreichen Rennberichten entnehmen kann, so schlecht, dass die Strecke um zehn Kilometer verkürzt wurde. Aber bei mir lief es super. Die Zuversicht für den Chiemgauer wuchs. Nur leider blieb von der Zugspitze eine Reizung meiner rechten Ferse zurück, die mir zunehmend Sorgen bereitete. Ich reduzierte mein Training deutlich, verlegte einen Teil aufs Rennrad. Die Reizung wurde etwas besser, flammte aber immer wieder auf, vor allem nach profilierten Läufen. Im Rückblick war der Abstand zwischen Zugspitze und Chiemgauer viel zu knapp, zumal für einen Anfänger wie mich. Ich ging zum Arzt, der mir nach Röntgen, Ultraschall und Abtasten beschied, die tragenden Bauteile – Sehne und Knochen – seien gesund. Vielleicht ein gereizter Schleimbeutel. Ich solle die Ferse weiterhin schonen. Aber kein Startverbot für den Chiemgauer. Ich war erleichtert.

Dennoch fuhr ich mit gemischten Gefühlen nach Ruhpolding, entsprechend den gemischten Signalen aus meinem Körper. Die Form schien zu passen, aber würde die Ferse mitmachen? Ich hatte keine Ahnung. Es blieb nur, zu starten und zu schauen.

Am Tag vor dem Start für die 100 Kilometer war das Briefing und der etwas skurrile Start der Hundertmeiler, die sich nach dem Signal von Gi Schneider nur widerwillig in Bewegung zu setzen schienen. Die Stimmung war so nett, wie ich es nie zuvor bei einer Sportveranstaltung erlebt habe. Viele Leute kannten sich untereinander, und wer niemanden kannte, wurde umstandslos aufgenommen.

Nur das Wetter mal wieder. Die Hundertmeiler starteten noch in drückender Schwüle. Doch für den nächsten Tag war eine Kaltfront mit heftigen Gewittern angesagt. Ich schlief schlecht in dieser zu warmen Nacht. Doch ich fühlte mich gut, als um drei Uhr der Wecker klingelte. Es gab mein Standard-Vorwettkampffrühstück, bewährt schon seit Radrennzeiten: Brei aus Haferflocken und Milch mit Honig und einer Prise Salz, dazu Koffein-Tabletten. Nichts für Gourmets, aber es funktioniert.

Auch beim Start um fünf Uhr im Waldstadion an der Traun war die Stimmung ruhig und angenehm. Lauter ernste, entschlossene, freundliche Gesichter. Keine aufgedrehten Wichtigtuer. Kein albernes Drängeln. Kein Dampfplauderer mit Verstärkeranlage. Und auch das sonst übliche »Highway to hell« von AC/DC habe ich nicht vermisst.

Sekundengenau ging es los, etwas dynamischer als bei den Hundertmeilern – und sofort spürte ich die Ferse. In diesem Moment musste ich mich fragen, ob ich überhaupt die erste Schleife von 26 Kilometern um den Rauschberg schaffe. Der erste sanfte Anstieg. Die Ferse machte sich deutlicher bemerkbar. Au weia.

Aber dann dachte ich an etwas anderes – und die Ferse verstummte. Für den Rest des Laufs meckerte sie still vor sich hin, wurde aber nicht schlimmer. Sie hat mich wohl nicht wesentlich gebremst. Danke, meine Ferse! Jetzt kannst du dich endlich erholen.

Diese erste Schleife ist nicht ganz so harmlos, wie sie in manchen anderen Berichten rüberkommt. Die ersten Kilometer auf welligen Forstwegen sind noch einfach. Dann kommt bald der abschnittsweise ruppige Alpensteig an der Nordflanke des Rauschbergs (Korrektur dank Reiner: Südflanke!). Hier zog sich das Feld augenblicklich auseinander, ich lief fast die ganze Zeit allein. Nur einmal überholte mich Marcel mit der Startnummer 47 und einer fantastischen Stocktechnik.

Nach 2 Stunden, 42 Minuten war ich zurück im Stadion, nassgeschwitzt in der feuchtwarmen Morgenluft. Ich wechselte in ein ärmelloses Hemd, schulterte den dort deponierten Rucksack, griff die Stöcke und ließ die Handflasche zurück, die ich auf die erste Runde mitgenommen hatte. Erst jetzt gehe das Rennen richtig los, hatten mir die alten Hasen vorher gesagt.

Als erstes großes Hindernis der zweiten Schleife stellt sich den Läufern die Skipiste am Unternberg in den Weg. Horrend steil, aber rhythmisch zu steigen. Genau mein Terrain – solange es bergauf geht. Mit beherztem Stockeinsatz schob ich mich voran im Feld. Dann kam ein Geläuf, das mir weniger liegt: ein Auf und Ab technischer Singletrails mit Wurzeln, lockeren Steinen und Matsch. Hier waren andere um mich herum schneller. Bald jedoch stellte der Weg sich wieder auf und mündete in den berüchtigten Anstieg zur Hörndlwand. Ich hatte wieder Oberwasser.

Noch berüchtigter als der Aufstieg ist allerdings der Abstieg von der Hörndlwand ins Röthelmoos. Was mich betrifft, wurde er seinem Ruf gerecht. Er ist steil, stufig, rutschig und wurzelig. Ich tapste ihn herunter wie ein verirrter Seilbahntourist und staunte über meine Mitläufer, die ihn leichtfüßig heruntersprangen. Ich muss dringend an meiner Downhill-Technik arbeiten. Immerhin die gute Nachricht: Ich bin auf den 100 Kilometern kein einziges Mal gestürzt.

Auch ich war irgendwann herunter von der Hörndlwand und gelangte über ein kurzes Flachstück zu einer dieser üppig bestückten Verpflegungsstationen. Ich nahm Butterbrezen, Schokolade, Kuchen und Cola. Überhaupt habe ich an diesem Tag vermutlich mehr Cola getrunken als in den 43 Jahren meines Lebens zuvor. Sonst hasse ich das Zeug. Aber es kickt! An diesen Verpflegungsstationen muss man sehr streng mit sich sein, um nicht zu viel Zeit zu vertrödeln.

Auf dem folgenden Aufstieg zum Hochsattel, zuerst über sanft ansteigende Forstwege, dann über steile Wiesenpfade, holte ich ein paar von den flotten Downhillern wieder ein. Und ich überholte einige Hundertmeiler, sichtlich gezeichnet von den Strapazen und nicht immer bei voller Sprachkompetenz. Aber alle freundlich und bei guter Moral. Großen Respekt für diese Helden. Und Heldinnen!

Nach dem Hochsattel der nächste holprige Downhill. Aus dem Überholen wurde wieder ein Überholtwerden. Aber mittlerweile war mir das egal. Ich hatte meinen Rhythmus gefunden. Die Hälfte der Streckenlänge und mehr als die Hälfte der Höhenmeter waren gemeistert. Ich ahnte, dass ich es schaffen kann, wenn nichts Außergewöhnliches mehr passiert. Und ich freute mich auf meine Frau und unseren kleinsten Sohn (2). Sie warteten an der Verpflegungsstation in Kohlstatt bei Kilometer 55. Als ich eintraf, aß der Sohn den Läufern gerade die Pfannkuchen weg. Ich stärkte mich ebenfalls, wechselte das Hemd und die Socken und blieb ein bisschen zu lang.

Nun kam das wohl steilste Stück der gesamten Strecke, wieder eine Skipiste hoch – mit frisch gefülltem Bauch. Oben spürte ich zum ersten Mal die Ermüdung. In den Stunden zuvor hatte ich mich auf das Zwischenziel Kohlstatt konzentriert, jetzt lief ich irgendwie ins Nichts. Zudem wurde die Strecke wieder abschüssig. Hier hatte ich wohl meine mental schwächste Phase. Ich fühlte mich nicht schlecht. Einfach nur blah. Ein Gel plus Salztablette beschleunigte mich nicht. Es zog sich arg bis zum Wallfahrtsort Maria Eck, wo die nächste Verpflegung wartete.

 
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Im Ziel
 

Maria Eck ist der geographische Wendepunkt der Strecke, ab hier geht es auf den letzten und längsten Anstieg zu: den Hochfelln. Und auch meteorologisch schlug die Situation um. Ziemlich unerwartet (für mich) brach ein heftiges Unwetter los. Sturmböen und starker Regen. Ich rettete mich in die offene Garage, an der die Verpflegungsstation aufgebaut war. Dort standen schon einige Läufer und starrten ratlos in den Regen. Wir berieten uns und beschlossen: Regenjacken an und weiterlaufen. Nass waren wir ohnehin schon, und kalt würden wir eher beim Warten. Außerdem geht es die nächsten 8 Kilometer durch die Wald, ziemlich flach auf gut laufbaren Singletrails. Da macht Regen nichts.

Aber »gut laufbar« ist halt so eine Sache nach 70 Kilometern. Als Ingrid, die spätere Siegerin der Frauenwertung, das Tempo etwas forcierte, flog die Gruppe auseinander. Ich biss die Zähne zusammen und blieb als einziger an Ingrid dran. Ein Glück, wie sich bald zeigte. Ingrid und ich verstanden einander prächtig. Wir hatten auf allen Terrains das gleiche Tempo und zogen uns gegenseitig. Die nächsten fünfeinhalb Stunden blieben wir zusammen, bis ins Ziel.

An der Verpflegungsstation in Egg am Fuß des Hochfelln war die Stimmung gedrückt. Laut Regen- und Blitzradar drohten in den nächsten Stunden weitere Gewitter über dem Hochfelln. Weiterlaufen war ein Risiko – und gerade in Egg bot sich die Option, auf die verkürzte 80-Kilometer-Strecke direkt runter nach Ruhpolding abzubiegen. Die meisten Läufer nahmen sie wahr. Aber ich wollte weiter. Es schüttete zwar weiter, und es würde heftig stürmen dort oben, aber die Luft konnte nicht sehr kalt sein, und es gewitterte gerade nicht mehr. Außerdem bot das Hochfellnhaus am Gipfel eine sichere Zuflucht. Ingrid und ich waren uns einig, weiterzulaufen.

Die Entscheidung erwies sich als richtig. Beim Aufstieg störte das schlechte Wetter kaum. Oben verpflegten wir uns kurz und machten uns an den Abstieg auf der anderen Seite. Die Böen peitschten uns den Regen um die Ohren. In dieser Phase bewährte sich meine Jacke (Montane Minimus Smock) großartig. Keine 170 Gramm wiegt sie, hat mir dennoch Wind und Regen vom Leib gehalten und mich nicht im eigenen Dampf schmoren lassen.

Wenige Höhenmeter unter dem Gipfelbereich ließ der Wind nach, bald auch der Regen. Aber egal bei welchem Wetter, dieser Abstieg ist der fieseste. Zuerst dichte Latschen und tückische Wurzeln, dann schmieriger Plattenkalkstein, dann Geröll an der Traktionsgrenze. Ingrid ist in solchem Gelände auch nicht schneller als ich, und so krochen wir in bedächtigem Tempo hinab zur Verpflegung im Eschelmoos.

Dort hatten wir die größeren Schwierigkeiten hinter uns. Vor uns lagen nur noch gut 15 Kilometer einfache, überwiegend abschüssige Strecke. Aber ausgerechnet dieser Abschnitt war der härteste für mich. Die Beine und die Füße taten nun richtig weh, besonders beim Bergablaufen. Die Energiespeicher waren leer, und ich konnte und wollte nichts mehr essen. Auch Ingrid stöhnte und jammerte. Aber sie ist zäher als ich. Je näher wir dem Ziel kamen, desto schneller wurde sie. Zum Schluss konnte ich mich nur noch an ihre Fersen heften.

Und dann waren wir plötzlich wieder im Stadion. Eine halbe Runde auf der Bahn. Ingrids Hund stürzte auf sie zu, und mein Sohn auf mich. Mit ihm auf dem Arm überquerte ich nach 15 Stunden, 55 Minuten und 30 Sekunden die Ziellinie. Dann nur noch Glück und Erschöpfung.

Zuletzt ein paar weitere Lobesworte zur Veranstaltung: Es ist fast unglaublich, was man beim Chiemgauer 100 für 40 Euro Startgeld kriegt. Die Organisation, die Markierung, die Verpflegung: alles richtig super. Hier ist keine Event-Agentur am Werk, sondern Leute mit Herz und Überzeugung. Der ganze überflüssige Quatsch von Großveranstaltungen wie dem Zugspitz Ultratrail entfällt – keine Blechmedaillen, kein Startbeutel mit nutzlosen Geschenken, keine Sportartikelmesse. Auf jeden Läufer kommt ein halber Helfer, sagte Gi Schneider bei der Siegerehrung. Da warten nette Menschen freiwillig die ganze Nacht im Regen auf dem Berg, damit ein paar Hundertmeiler eine warme Suppe kriegen. Das ist großartig! Ich komme wieder.

Tobias Hürter

Ausrüstung:
Schuhe: Inov-8 Race Ultra 270
Socken: Injinji Trail 2.0
Hose: Inov-8 Race Elite 140
Unterhemd: Falke Athletic
Shirt: Gore Running Wear
Jacke: Montane Minimus Smock
Rucksack: Salomon S-Lab 12
Stöcke: Leki Microstick Carbon
Eigenverpflegung: Riegel und Gels von Mulebar, Saltsticks

Billshit

Posted in Bullshit, Geschichte by bescheidwisser on 18. Januar 2014

Bullshit ist ein philosphischer Fachausdruck. Er bezeichnet grammatisch wohlgeformte Sätze, die zwar an der Oberfläche in Ordnung sind, aber keinen echten Gedanken ausdrücken (vgl. mein Titelstück in HOHE LUFT 1/2013). Eines der gewaltigsten Stücke Bullshit der Politikgeschichte lieferte im Jahr 1998 der damalige amerikanische Präsident Bill Clinton in seiner Aussage vor der Grand Jury im Zuge des Amtsenthebungsverfahrens gegen ihn – die Oral-Office-Affäre, wir erinnern uns. Ein Ausschnitt aus dem Sitzungsprotokoll:

STAATSANWALT: Ob Mr. Bennett [Clintons Anwalt Robert S. Bennett – TH] von Ihrer Beziehung mit Ms. Lewinsky wusste oder nicht, die Aussage, dass es »keinen Sex irgendwelcher Art oder Form mit Präsident Clinton« gab, war eine völlig falsche Aussage. Ist das korrekt?

CLINTON: Das hängt davon ab, was die Bedeutung von »ist« ist. Wenn »ist« bedeutet »ist und war nie und ist nicht« – das ist eine Sache. Wenn es bedeutet, dass es keinen gibt, dann war das eine völlig wahre Aussage.

Quelle

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Schmugglergeschichten

Posted in Geschichte by bescheidwisser on 27. August 2012

Radiofeature in Bayern 2 über die Schmuggler in den Alpen:

Die Schmuggler von Klobenstein

»›Schmuggeln‹ kommt von ›Schmiegen‹: man schmiegt sich den Verhältnissen an.«

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Romantik in der BBC

Posted in Philosophie by bescheidwisser on 26. August 2012

Herrlich bombastische Dokumentation der BBC über die geistigen Umwälzungen der Romantik:

 

 

»This is the story of a search for meaning in a world without God.« – Peter Ackroyd

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Aubade – Philip Larkin

Posted in Lyrik by bescheidwisser on 25. August 2012

Aubade pur

(Aus: The Complete Poems of Philip Larkin. Faber & Faber, 2012)

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Alte Liebe und ein Abenteuer

Posted in Aktuelles by bescheidwisser on 16. Juli 2012

Seit ein paar Tagen gehe ich fremd. Ich, strikter Apple-Monogamist seit den 80er Jahren (Apple II), habe ein Android-Handy angeschafft, als Zweithandy Dritthandy für meine regelmäßigen Aufenthalte im italienischen Sendegebiet. S3 statt 4s. Warum? Aus Abenteuerlust. Wie das halt so ist bei Seitensprüngen.

Hier will ich nun meine bisherigen Eindrücke aufschreiben, ganz indiskret und unsystematisch. Um es vorwegzunehmen: Der Seitensprung hat mir wieder den Wert meiner alten Liebe vor Augen geführt. Android wird für mich eine Affäre bleiben.

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»Stay hungry, stay foolish!«

Posted in Aktuelles, Journaille by bescheidwisser on 20. September 2010

Hier notiert: meine Eindrücke vom Zukunftskongress der Freischreiber am Wochenende in Hamburg.

So ein Kongress soll Orientierung geben. Das ging erstmal schief. Der Tag begann mit vielen herumirrenden Journalisten. Die zuvor ausgegebenen Unterlagen hatten die Geographie des Geländes in Hamburg-Bahrenfeld zur Unkenntlichkeit vereinfacht. Wer den Veranstaltungsort fand, bekam einen besseren Plan, aber das ist nicht die logische Reihenfolge.

Als Erster trat der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen vor das schlaftrunkene Plenum, und er gab Orientierung: eine präzise Analyse der Medienmisere, dann der Vorschlag einer Gegenstrategie. Pörksen hat genug vom Gejammer, will es nur noch als »Hintergrundgeräusch« hören und formuliert den kategorischen Imperativ für freie Journalisten: »Handle stets so, dass deine Form der Publizität unverwechselbar wird.« Er schloss mit dem Slogan von Steward Brand: »Stay hungry, stay foolish!« Ein Satz fürs T-Shirt.
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Google und die Urhorde

Posted in Aktuelles by bescheidwisser on 20. August 2010

Wäre Google vor 10000 Jahren mit einem Dienst namens Google Wood View herausgekommen, dann wäre wohl kein Aufschrei durch die Wälder des noch nicht so heißenden Germanien gegangen. Damals, in der ausgehenden Steinzeit, war Privatsphäre noch kein Wert. Jeder bekam jede Kleinigkeit jedes anderen mit. Der Urmensch war gläsern.
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Dreality

Posted in Schlaf, Traum by bescheidwisser on 7. August 2010

Alle Welt rennt in Inception. Viele sind begeistert. Ich auch.

Inception ist ein Film über Träume. Und es ist selbst ein Traum. Große Kunstwerke zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich auf mehrere Weisen sehen lassen. Die Deutung liegt beim Betrachter. Was das Werk zeigt, liegt hinter all diesen Deutungen.
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