Der Bescheidwisser

„Charles wer?“

Posted in Wissenschaft by bescheidwisser on 7. Oktober 2009

Viele Journalisten, darunter ich, fühlten sich gestern gegen 12 Uhr MESZ kalt erwischt, als die Empfänger des diesjährigen Physik-Nobelpreises verkündet wurden. „Charles wer?“ Wohl kaum jemand hatte Charles Kao und seine Mitgeehrten auf der Rechnung. Kao hatte nicht einmal einen Eintrag in der deutschen Wikipedia. Auch die Geehrten selbst waren überrumpelt vom Anruf aus Stockholm.“Ist das real?“, fragte ein baffer Bill Boyle.

Die allseitige Überraschung hat ihren Grund auch darin, dass der Physikpreis für etwas verliehen wird, was eigentlich keine Physik ist. Die Arbeit von Kao, Boyle und Smith brachte unser Verständnis der Welt so gut wie nicht voran. Die Entwicklung der Glasfaserkommunikation und der digitalen Fotosensorik ist eine überragend bedeutende Ingenieursleistung. Aber eben keine Naturwissenschaft.

Das war natürlich die Absicht der Stockholmer Jury. Sie wollte die Welt auf die Bedeutung der angewandten Forschung hinweisen. Alle drei Geehrten waren Unternehmensforscher. Die beiden Amerikaner arbeiteten an den legendären Bell Laboratories, des damals renommiertesten Industrielabors der Welt. Heute ist davon nur noch die Legende übrig. Die Bell Labs haben sich erklärterweise abgewandt von der Grundlagenforschung.

Auch in Deutschland gibt es so gut wie keine klassische Unternehmensforschung mehr. Siemens, Bayer & Co. machen nur noch Entwicklung. Vom GE-Forschungszentrum in Garching bei München, vor fünf Jahren mit viel Tamtam eingeweiht, hört man kaum noch etwas. Allerdings bedeutet das nicht, dass die Konzerne sich nicht mehr in der Forschung engagieren. Sie sind mehr dazu übergegangen, an den Hochschulen Projekte zu finanzieren, oder gleich ganze Lehrstühle oder Institute. Also Outsourcing, wie auch sonst, mit all seinen Vor- und Nachteilen.

Die Forschung ist dadurch ärmer geworden. „Das Umfeld ist alles in der Wissenschaft“, sagte einer Stockholmer Juroren nach der Bekanntgabe. Aber das Umfeld an einer Hochschule ist nie das gleiche wie an einem gut ausgestatteten Forschungszentrum eines Unternehmens. Und so war die Botschaft aus Stockholm richtig und wichtig. Auch wenn der Anlass nicht der passende war.

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