Der Bescheidwisser

Falsch gefragt

Posted in Schlaf by bescheidwisser on 15. November 2009

Es sei die „wahrscheinlich größte offene Frage der Biologie“, sagt der amerikanische Seelenforscher Allan Rechtschaffen: Warum schlafen wir? „Schlaf erfüllt eine absolute lebensnotwendige Aufgabe“, ist Rechtschaffen überzeugt, „sonst wäre er der größte Fehler, der im Evolutionsprozess je unterlaufen ist.“ Aber seit 70 Jahren suchen Rechtschaffen & Co. vergebens nach dieser „lebensnotwendigen Aufgabe“. Das könnte daran liegen, dass der Fehler bei ihnen liegt. Sie stellen sich die falsche Frage.

Als Beweis für die Lebensnotwendigkeit des Schlafs wird gern ein Experiment von 1983 herangeführt, in dem Ratten wochenlang auf einem Drehteller über einem Wasserbecken saßen. Sobald sie einzuschlafen begannen, setzte der Drehteller sich in Bewegung. Die Nager mussten rennen, um nicht zu ertrinken. Nach zweieinhalb Wochen starben sie – „weil sie nicht schlafen durften“, so steht es im Spiegel Wissen 4/2009. Das ist zu schnell gefolgert. Die Ratten wurden unter extremen Stress gesetzt, um sie wach zu halten. Dieser Stress war tödlich, glaube ich, nicht der Schlafentzug.

So ähnlich bei Menschen. „Schlafmangel kann Bluthochdruck auslösen, Diabetes, Fettleibigkeit und erhebliche Risikofaktoren für koronare Herzerkrankungen schaffen, sagt Geert Mayer, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. Das sind Stresssymptome.

Der tatsächliche Befund ist also: Da gibt es etwas, das uns so stark zum Schlafen treibt, dass uns nur sehr heftige Gegenkräfte davon abhalten können. Und so lautet die richtige Frage: Was treibt uns zum Schlafen? Evolutionsbiologisch betrachtet ist das ziemlich klar. Was sollten unsere Ahnen nachts, im Stockdunkeln auf einem Baum hockend, anderes tun als schlafen? Jede Aktivität hätte nur schaden können. Lieber ruhig halten und Energie sparen.

Der Psychiater Jerome Siegel von der University of California in Los Angeles gab kürzlich im Magazin Nature Reviews Neuroscience eine Nichtstandardantwort auf die große Schlaffrage: Menschen und Tiere schlafen, um ihre Effizienz zu steigern und sich von Ärger fernzuhalten. Das ist der primäre Nutzen von Schlaf, andere sind sekundär. Siegel sieht seine These von der Vielfalt der Schlafgewohnheiten im Tierreich gestützt. Beutetiere schlafen kaum, bei einigen wechseln die Hirnhälften sich mit dem Schlafen ab. Fledermäuse, die nur in der Dämmerung nach Insekten jagen, schlafen 22 Stunden pro Tag. Manche Tiere verschlafen den ganzen Winter, nicht weil sie ein halbes Jahr Schlaf nachholen müssen, sondern weil sie sonst nichts zu fressen hätten. Schlafen ist clever, aber nicht lebensnotwendig.

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Eine Antwort

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  1. Wieso? Weshalb? Warum? said, on 10. Juni 2010 at 13:23

    Warum braucht man eigentlich Schlaf?…

    Eigentlich müsste ein Tag mehr als nur 24 Stunden haben, denn nach all der Arbeit bleibt leider viel zu wenig Zeit für die angenehmen Dinge im Leben. Freunde treffen, Ausgehen oder Feiern wird da nur noch zum Wochenendvergnügen und wir v…


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