Der Bescheidwisser

Dreality

Posted in Schlaf, Traum by bescheidwisser on 7. August 2010

Alle Welt rennt in Inception. Viele sind begeistert. Ich auch.

Inception ist ein Film über Träume. Und es ist selbst ein Traum. Große Kunstwerke zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich auf mehrere Weisen sehen lassen. Die Deutung liegt beim Betrachter. Was das Werk zeigt, liegt hinter all diesen Deutungen.

Inception ist große Kunst. Keine Sekunde ist eindeutig. In keiner Sekunde ist klar, ob sie geträumt ist oder Wirklichkeit. Traumfänger Dominic Cobb und seine Kollegen kämpfen 148 Minuten lang mit der Frage, in welcher Welt sie gerade leben, Traum oder Wirklichkeit. Auch Erwachen klärt sie nicht. Auch das Erwachen kann geträumt sein.

Die Erkenntnis dahinter wurde tausendmal beschrieben, aber vielleicht noch nie so eindrucksvoll gezeigt: Traum und Wirklichkeit sind keine verschiedenen Welten, sondern verschiedene Sichtweisen derselben Welt. Die wirkliche Welt und die Traumwelt sind einander nicht deshalb so ähnlich, weil Träume so realistisch sind, sondern weil wir die Wirklichkeit so traumhaft erleben. Das Traumbewusstsein ist nichts anderes als das Bewusstsein, das uns die Welt im Wachen erlebbar macht. Wir erträumen uns die Welt. Auch wenn wir wach sind. Wenn wir schlafen, bleibt unser Bewusstsein wach. Es geht nur offline von der Außenwelt.

Das heißt nicht, dass Träumen und Wachbewusstsein ein und dasselbe sind. Im Wachen ist das Bewusstsein fester in der Wirklichkeit verankert als im Schlaf. Es ist bestimmt von der kausalen Logik, die ihm die Außenwelt aufprägt. Im Traum herrscht die assoziative Logik seiner Innenwelt. Der Witz ist: Das ist gradueller Unterschied, kein kategorialer.

Inception ist ein Traum – welche Befreiung für seine Urheber. Traumlogik macht sich auf der Leinwand viel besser als nüchterne Kausalität. Eigentlich ist jeder Kinofilm ein Traum. Inception ist durch und durch ein Traum. Es bleibt offen, ob Dom wirklich ein Traumfänger ist. Vielleicht ist auch die ganze Traumfängerei geträumt.

Dabei ist Inception, wach und nüchtern betrachtet, weniger absurd als der Hollywood-Durchschnitt. Bei Ratten funktioniert »Extraction« bereits. Matthew Wilson vom MIT in Boston ist der wohl weltbeste Rattentraumfänger. Er lässt seine Laborratten tagsüber durch Labyrinthe (ja, Labyrinthe, wie in Inception) irren, nachts scannt er ihr Gehirn. In ihren visuellen Zentren wiederholen sich die Reizfolgen des Tages. Die Ratten träumen von Labyrinthen.

Auch so etwas wie »Inception«, das Einpflanzen von Gedanken, haben Forscher schon mal geübt – an Fruchtfliegen: Per Laser hat Gero Miesenböck von der Universität Oxford den Insekten falsche Erinnerungen implantiert. Bei Menschen bleibt Inception ein beruhigend ferner Traum – Albtraum. Zum Glück hat die Wirklichkeit ihre eigenen Gesetze.

(Nebenbei: bemerkenswert, dass die zwei großen Hollywoodknaller der letzten Monate beide inszenierte Träume sind. In Avatar hat James Cameron erklärtermaßen Traumbilder aus seiner Jugend verarbeitet. Was Avatar fehlt, und was Inception gelingt, ist die Zweideutigkeit zwischen Traum und Wirklichkeit, grandios verdichtet in der Schlusseinstellung: Fällt der Kreisel – Wirklichkeit – oder fällt er nicht – Traum? Solch einen Moment, ebenso grandios, gab es schon einmal im Kino, in der Schlussszene von Blade Runner: Ist Rick Deckard ein Replikant, oder ist er keiner? Es gibt keine eindeutige Antwort. Die Zweideutigkeit ist die Antwort.)

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