Der Bescheidwisser

»Stay hungry, stay foolish!«

Posted in Aktuelles, Journaille by bescheidwisser on 20. September 2010

Hier notiert: meine Eindrücke vom Zukunftskongress der Freischreiber am Wochenende in Hamburg.

So ein Kongress soll Orientierung geben. Das ging erstmal schief. Der Tag begann mit vielen herumirrenden Journalisten. Die zuvor ausgegebenen Unterlagen hatten die Geographie des Geländes in Hamburg-Bahrenfeld zur Unkenntlichkeit vereinfacht. Wer den Veranstaltungsort fand, bekam einen besseren Plan, aber das ist nicht die logische Reihenfolge.

Als Erster trat der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen vor das schlaftrunkene Plenum, und er gab Orientierung: eine präzise Analyse der Medienmisere, dann der Vorschlag einer Gegenstrategie. Pörksen hat genug vom Gejammer, will es nur noch als »Hintergrundgeräusch« hören und formuliert den kategorischen Imperativ für freie Journalisten: »Handle stets so, dass deine Form der Publizität unverwechselbar wird.« Er schloss mit dem Slogan von Steward Brand: »Stay hungry, stay foolish!« Ein Satz fürs T-Shirt.

Nach dem furiosen Pörksen hatte Annette Milz es schwer, und was sie sagte, war eher ein Dénouement. An Social Media gehe kein Weg mehr vorbei, verkündete sie. Dann erinnere ich mich nur noch an ihre Beschwerde über unzuverlässige Freie. Der Auftritt der Chefredakteurin des Medium Magazins war, mit Verlaub, ein anschauliches Argument gegen das Angestelltendasein in einer Redaktion.

Die folgenden Stunden verbrachte ich in zwei Workshops. Zuerst ging es um Selbstvermarktung: »Ich als Marke«. Ich war überrascht, welche Fragen die Kollegen bewegen bei der Entwicklung ihrer Marke. Zum Beispiel: »Ist es OK, peinliche Texte unter Pseudonym zu veröffentlichen?« Die meisten fanden es OK. Ich nicht. Ich finde es nicht aufrichtig, und ich will keine Texte veröffentlichen, die mir peinlich sind.

Ich war gespannt, ob zum Workshop »Der Weg zum eigenen Printprodukt« auf einem Zukunftskongress überhaupt jemand außer mir kommen würde. Es kamen viele, und es wurde für mich der Höhepunkt des Kongresses. Es ging um Dinge, die aus Überzeugung getan werden. Reich wird man nicht auf diese Weise. Aber vielleicht glücklich. Meinen Respekt an Hubert Denk und seinesgleichen.

Noch ein Brocken aus dem Schlussplenum, der mich beeindruckt hat. In der Zusammenfassung eines Workshops sagte dessen Moderatorin: »Wir waren uns einig, dass es nicht mehr geht, für Tageszeitungen zu schreiben.« Manche Blätter zahlen nur noch 13 Cent pro Zeile. Das geht wirklich nicht mehr.

Der Printjournalismus steckt in der Qualitätsfalle: weniger Leser, weniger Anzeigen, also sinkende Qualität, also noch weniger Leser und Anzeigen. Die etablierten Verlage finden den Weg aus dieser Falle nicht. Das heißt nicht, dass es keinen Weg gibt. Es ist der Untergang dieser Verlage, nicht des Mediums Print.

Der ernste Teil des Kongresses endete ausgerechnet mit dem Satz, der ihm als Motto vorangestellt war: »Die Zukunft ist frei.« Am Abend nicht schlauer als am Morgen, beklagten einige. Ich fühlte mich durchaus ein bisschen schlauer. Das Schöne war, wie anders dieser Satz sich am Abend anhörte. Die Publikumsmeldungen im Schlussplenum bestanden hauptsächlich aus Klagen über niedrige Honorare. Das hätte mir vorher womöglich in Sorgen gestürzt. Jetzt drang es nur noch als das Hintergrundgeräusch zu mir, von dem Bernhard Pörksen am Morgen gesprochen hatte.

Zum Fest in der wirklich coolen Prinzenbar ließen sich die Freien von einem fest angestellten Redakteur, Ulrich Stock alias DJ Stoke von der »Zeit«, die Platten auflegen. Extra als Schlusspointe für Blogger.

Eine Antwort

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  1. Otto Hürter said, on 20. September 2010 at 18:21

    Kurz und gut, differenziert und optimistisch, was die Zukunft angeht.


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